Von Walter Abendroth

Offenbar absichtslos ergab sich in München ein „Tag des antiken Theaters“: In den Kammerspielen gastierte die Wanderbühne „Der Morgenstern“ mit dem „Hippolytos“ des Euripides, im Residenztheater stellte sich Intendant Helmut Henrichs als Regisseur mit der „Antigone“ des Sophokles vor.

Zwei und ein halbe Stunde eines Sonntagvormittags folgte ein voll besetztes Haus in atemloser Spannung der pausenlos dahinwuchtenden euripideischen Tragödie, die im Jahre 428 vor Christi Geburt uraufgeführt wurde.

Anderthalb Stunden, wiederum ohne Pause, erlebten in ähnlicher Hochspannung am Abend die Zuschauer das sophokleische Drama, das im Jahr 442 vor Christus zum erstenmal über die Bühne ging.

In beiden Aufführungen hätte man die sprichwörtliche „Stecknadel zu Boden fallen hören“ können, so gebannt waren die Zuschauer von den zweieinhalb Jahrtausende alten Dichtungen. Dabei ist doch schließlich jede einzelne Wiederbelebung hellenischer Theaterstücke immer wieder ein Experiment – und damit auch ein Wagnis.

Mit einer „Konjunktur für antiquarische Moderieigungen“ wäre solche starke Reaktion, wie sie hier (auch in der Temperatur des Beifalls nach minutenlangem Schweigen) zu beobachten war, nicht ausreichend zu erklären. Unverkennbar waren viele wirklich überwältigt durch die Gewalt – vielleicht nicht einmal der „Dichtung“, sondern der über sie hereinbrechenden Schicksalstragik.

Gegenüber dieser Macht des Tragischen fällt die künstlerische Interpretation weniger ins Gewicht. Die Besucher des „Morgenstern“ hatten da eine besonders harte Nuß zu knacken: denn diese Aufführung wollte „stilecht“ im strengsten philologischen Sinne sein. Man spielte mit Masken und auf hohem Kothurn; die Frauenrollen waren mit Männern besetzt; es wurde nicht gesprochen, sondern psalmodiert, und selbst heterophonische Instrumentalbegleitung fehlte nicht.