Die Sowjetunion wird versuchen, mit dem Hebel „Berlin-Krise“ bei den bevorstehenden internationalen Verhandlungen die Anerkennung ihrer Deutschen Demokratischen Republik zu erzwingen oder mindestens die Reputation Ostberlins beträchtlich zu erhöhen. Diese Absicht kommt schon darin zum Ausdruck, daß die Ostberliner Delegation für die Außenministerkonferenz in Genf recht prominent besetzt wurde.

Einer der Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats (im westlichen Sprachgebrauch: ein Stellvertreter des Ministerpräsidenten) ist der Führer der Delegation; es handelt sich um den DDR-Außenminister Dr. Lothar Bolz. Schon seit sechs Jahren führt Bolz das Ressort für Auswärtige Angelegenheiten in der Regierung Grotewohl, und doch ist er im westlichen Ausland noch recht unbekannt; Genf wird ihn mehr in den Vordergrund bringen.

Der Außenminister der DDR ist heute 55 Jahre alt, ein gebürtiger Oberschlesier, Sohn eines Uhrmachers aus Gleiwitz. Im Vergleich zu seinen Ministerkollegen verlief sein persönlicher Werdegang eher bürgerlich. Er ist von Haus aus Rechtsanwalt. Aber schon als Student wurde er Mitglied der kommunistischen Partei. Da er sich in Berlin als Strafverteidiger seiner Parteigenossen betätigt hatte, emigrierte er nach einem Umweg über Danzig 1936 in die Sowjetunion; In Rußland und in Sibirien schlug er sich als Deutschlehrer durch, heiratete eine Russin und erwarb die sowjetische Staatsangehörigkeit.

Erst im Kriege trat er politisch hervor, zunächst unter dem Namen Rudolf Germersheim als Herausgeber der Zeitung für deutsche Kriegsgefangene Freies Wort. 1943 erschien Dr. Bolz als Mitbegründer des „Nationalkomitees Freies Deutschland“, und nun knüpfte er auch Verbindungen zwischen den kommunistischen deutschen Emigranten in Moskau und dem „Bund deutscher Offiziere“ in den Kriegsgefangenenlagern. Für Moskau blieb Bolz seither der Experte für die Aufgabe der Überleitung nationaler deutscher Kräfte und Strömungen in das kommunistische Sammelbecken.

Auf Weisung der sowjetischen Militäradministration gründete er 1948 die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD). Am zehnten Jahrestag dieser Gründung erklärte der Vorsitzende der NDP Dr. Bolz: „Wir erkannten eine besondere Aufgabe darin, den Hunderttausenden früherer Berufssoldaten und Offiziere sowie ehemaliger Mitglieder der NSDAP Klarheit über die Fehler der Vergangenheit und Willen und Mut zum Weg in eine bessere Zukunft zu geben.“

Die NDP versteht sich als eine Mittelstandspartei der DDR. Der etwas farblos korrekte alte Kommunist und sowjetische Staatsbürger Dr. Bolz bewährte sich als Führer dieser Partei. Sein Auftreten ließ schon äußerlich immer den geordneten akademischen Werdegang erkennen und unterschied sich vom Lebensstil der führenden SED-Funktionäre. Dennoch hielt Bolz zum Beispiel bei kommunistischen Jugendweihen tadellos linientreue Ansprachen. Die DDR ist ja erst auf dem Wege zum kommunistischen Einparteienstaat und hält vorläufig noch an der Fiktion fest, daß auch bürgerliche Parteien wie CDU, LDP und NDP an der politischen Willensbildung im Staate beteiligt seien. Unter dem Kommando der SED sind aber diese Parteien in der Nationalen Front eisern zusammengeschmiedet, und Parteiführer wie Außenminister Dr. Bolz garantieren den absoluten Gleichschritt.

Bevor Lothar Bolz in das Außenministerium in der Ostberliner Luisenstraße einzog, war er Minister für Aufbau. Erst mußte Georg Dertinger vom Stuhl des Außenministers in die Zuchthauszelle überwechseln, ehe Lothar Bolz sein Nachfolger werden konnte. Still und anscheinend unangefochten besorgt Dr. Bolz seither die Geschäfte Ulbrichts auf einem Gebiet, das naturgemäß keine große persönliche Initiative zuläßt: Die Beziehungen der DDR zu den Ostblockstaaten hängen vollständig ab von den Aufträgen, die Moskau für Ostberlin bereit hält, und diese Aufträge gehen zumeist von Parteichef zu Parteichef, von Zentralkomitee zu Zentralkomitee; eine Außenpolitik der DDR gegenüber den Westmächten existiert nicht, und die Außenpolitik Ostberlins in den bündnisfreien Ländern zwischen den Blöcken macht erst neuerdings Fortschritte

Ob Dr. Bolz der Mann bleiben wird, den die Sowjets künftig verschicken werden, um internationales Terrain für die DDR zu erobern, bleibt abzuwarten; sein Auftrag für Genf erweist zumindesten, daß sie bisher nicht unzufrieden mit ihm sind. Thilo Koch