Die Chemie-Verwaltungs-AG, Frankfurt/Main, hat zwei Hauptversammlungen einberufen, eine für den 22. Mai um 10 Uhr und eine am gleichen Tag um 15 Uhr. Die Notwendigkeit dieser doppelten Einladung ist eine Folge der noch von den Alliierten inspirierten Gesellschaftssatzung, die jetzt geändert werden soll. Auf den Hauptversammlungen werden wichtige Entscheidungen fallen, die auch den Aktienkurs der Chemie-Verwaltungs-Aktien nicht unberührt lassen können. So wie die Dinge liegen, wird es hitzige Debatten geben. Damit Sie wissen, meine verehrten Leser, um welche Punkte der Streit gehen wird, wollen wir uns zur Abwechslung – wieder einmal – mit den besonders gelagerten Problemen der Chemie-Verwaltungs-AG befassen.

In dem Geschäftsbericht für 1958 der Chemie-Verwaltungs-AG berichtet die treuhänderisch eingesetzte Verwaltung, die nach Durchführung ihres Auftrages auf der Hauptversammlung (HV) ihre Ämter zur Verfügung stellen wird, abschließend über einen der interessantesten Vorgänge aus der Entflechtung der IG-Farben. Aus dem beigefügten Material, meine sehr verehrten Leser, können Sie erkennen, daß es um die 1938 gegründeten Chemischen Werke Hüls AG (CWH) geht. An diesem Unternehmen war die IG mit 74 v. H. und die Bergwerksgesellschaft Hibernia (jetzt Bundesbesitz) mit 26 v. H. beteiligt. Der größere Einfluß lag also bei der Chemie und der kleinere bei der Kohle. Die Alliierten machten die CWH selbständig. Jede Bindung mit den Farben-Nachfolgern wurde der CWH untersagt.

Mit der Neuordnung der IG-Farben wurden auch die Beteiligungsverhältnisse an der CWH verändert. Die Steinkohlenseite (und zwar je zur Hälfte die Hibernia und die Kohle-Verwertungs GmbH) erhielt 50 v. H. und die IG Farben i. A. die andere Hälfte. Hätte man damals, was eigentlich der Entflechtungsnorm entsprach, die Hüls-Aktien an die IG-Aktionäre ausgeschüttet, dann wäre damit das Beteiligungsverhältnis von Grund auf geändert worden. Die Steinkohlenseite hätte nämlich nur eine Hüls-Aktie an der Börse zu erwerben brauchen – und sie hätte die Majorität gehabt. Das sollte im Interesse der CWH, die primär ein chemisches Werk ist, vermieden werden. Der Weg dazu wurde in der Gründung der Chemie-Verwaltungs-AG gefunden, die 50 v. H. des Hüls-Kapitals (heute 150 Mill. DM) verwaltet. Damit war das Gleichgewicht zwischen Chemie und Steinkohle gesichert.

Um den weiteren alliierten Auflagen Rechnung zu tragen, wurde eine Reihe von Satzungsbestimmungen bei der Chemie-Verwaltung geschaffen, von denen die wichtigste ist, daß Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates der Chemie-Verwaltung weder dem Vorstand noch dem Aufsichtsrat (AR) einer der IG-Farben-Nachfolgegesellschaften angehören dürfen. Die Alliierten wollten, daß die CWH unter allen Umständen „selbständig“ bleiben sollte. Das Verbot der „Personalunion“ kann nur mit einer qualifizierten Mehrheit beseitigt werden: Auf der HV müssen mindestens zwei Drittel des Grundkapitals vertreten sein. Ist das nicht der Fall, so kann eine zweite HV einberufen werden (ist – wie oben ersichtlich – vorsorglich geschehen), bei der eine Dreiviertelmehrheit des auf der HV vertretenen Kapitals beschließt. Aber auch in diesem Falle muß mindestens die Hälfte des Grundkapitals an der HV teilnehmen.

Natürlich bedeutet das Verbot der Personalunion mit den IG-Farben-Nachfolgern für die Chemie-Verwaltung eine Diskriminierung (wobei wir über die Zweckmäßigkeit eines Verbundes hier nicht sprechen wollen). Daß den IG-Farben-Nachfolgern die CWH nicht gleichgültig sein kann, wird nicht bestritten. Unterschiedlich sind die Ansichten, auf welche Weise eine Klammer zwischen Chemie-Verwaltung und den Nachfolgern geschaffen werden soll. Die beantragten Satzungsänderungen deuten darauf hin, daß die IG-Farben-Nachfolger sie über eine Personalunion der Verwaltungen hergestellt haben möchten. Die Meinungen von zwei opponierenden Gruppen stehen dem entgegen. Sie wünschen, auch wenn sie es nicht sagen, eine „angemessene Abfindung“ für ihre Chemie-Verwaltungs-Aktien, etwa 1 Aktie Chemie-Verwaltung gegen 2 Aktien einer IG-Farben-Nachfolgegesellschaft.

Wer ist die Opposition? Da ist einmal der Bremer „Holzkaufmann“ Hermann Krages, der etwa 12 v. H. des Aktienkapitals der Chemie-Verwaltung (Grundkapital 81,6 Mill. DM) erworben haben dürfte, zuletzt im Wege eines vieldiskutierten Tausches gegen Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG. Außerdem opponiert der in früheren Hauptversammlungen der IG-Farben hervorgetretene Rechtsanwalt Gordan (Gießen), der vielleicht 10 v. H. des Aktienkapitals mobilisieren kann. Operieren beide Gruppen zusammen, dann haben sie unter Umständen einige Chancen, Beschlüsse, die einer besonders qualifizierten Mehrheit bedürfen, zu verhindern. Entscheidend wird die Höhe des überhaupt vertretenen Kapitals sein. Daraus ersehen Sie, meine verehrten Leser, sofern Sie Aktionäre der Chemie-Verwaltung sind, daß selbst Ihre Nichtteilnahme an der HV die Abstimmung beeinflussen wird.

Die Aktionäre müssen sich über folgende Punkte klarwerden: