Vor ein paar Tagen hat der amerikanische Präsident auf der Veranda des Golfklubs von Augusta der Öffentlichkeit davon Kenntnis gegeben, daß dem 53. Außenminister der Vereinigten Staaten, John Foster Dulles, nun als 54. Christian A. Herter folgen werde. Seither hat es viele Stimmen gegeben, die geneigt waren, den Augenblick dieser Ankündigung zugleich auch als einen weltpolitischen Wendepunkt hinzustellen.

Bei allen jenen, die diese Meinung vertreten, war im Hintergrund ihrer Gedankengänge deutlich die Auffassung erkennbar, es seien auch heute Männer, wenige Männer, die die Politik machen – und kämen andere an ihre Stelle, dann liege es auf der Hand, daß auch die Politik sich ändere.

Nun haben sich innerhalb weniger Wochen für zwei große Politiker der westlichen Welt die Ausgangstore aus der politischen Arena geöffnet. Beide – häufig und gewiß nicht zu Unrecht als ein starkes und ganz aufeinander eingespieltes Gespann betrachtet – haben während der vergangenen Jahre der Politik des Westens unverkennbar ihren Stempel aufgedrückt: Dulles und Adenauer. Ihr Abschied von dem, was man gemeinhin die aktive Politik zu nennen pflegt, hat, wie gesagt, manche Leute zu der Prognose verleitet, nun begänne „etwas ganz Neues“.

Die Londoner Times hat es dieser Tage – wiewohl in vornehmer Sprache – sehr offen ausgesprochen, die jüngste Entwicklung enthalte alle Elemente des Wandels. Die Bahn sei jetzt freigegeben für flexiblere Verhandlungen mit den Sowjets.

So die Times. Und so viele andere. Was aber ist denn bei genauerem Hinsehen wahr an dieser zunächst so einleuchtenden Pauschalthese: Neue Männer – neue Politik?

Da ist wohl zunächst einmal zu sagen, daß jedenfalls in der Bundesrepublik der Wechsel noch gar nicht stattgefunden hat. So verlockend es beim Argumentieren sein mag, das politische Dioskuren-Paar Dulles–Adenauer nun auch im Abgang vereint zu sehen – in der Wirklichkeit verhält es sich anders. Der Bundeskanzler wird noch bis September die Fäden der Bonner Politik in der Hand halten, und manches spricht dafür, daß er gerade nach dem Rücktritt von Dulles einige weltpolitische Züge fester in den Griff bekommt als zuvor.

Aus der amerikanischen Hauptstadt ist überdies durchgesickert, die Bundesregierung habe dem State Department zu verstehen gegeben, eine außenpolitische Kursschwenkung der Vereinigten Staaten könne gerade in dieser prekären Phase, da in Bonn ein Kanzlernachfolger gesucht werde, ernste Rückwirkungen auf die deutsche Politik haben. Es soll am Potomac eine Reihe von kühlen Beobachtern geben, die diesen Bonner Schritt ganz einfach als einen geschickten Bluff betrachten. Doch sei es auch ein Bluff – so mag er seine Wirkung gerade in diesem Augenblick nicht verfehlen, da die Verantwortlichen in Washington sich für die Konferenzen rüsten, und, des erfahrenen Steuermannes beraubt, offenbar lieber den alten Kurs zunächst beibehalten wollen, als sich in neue politische Gewässer zu wagen, deren Untiefen sie nicht kennen.