Hohe Dividenden der Banken machen sich – nach Ansicht vieler Institute – in den Augen der Kundschaft schlecht. Wenn Banken des-, halb über ihr Geschäft berichten und dabei auf die Ertragslage zu sprechen kommen, dann geschieht das meist nicht frei von „Tiefstapelei“, jedenfalls nie ohne den Hinweis, daß die Einnahmen aus dem Kreditgeschäft, das den Kunden naturgemäß am meisten berührt, wieder einmal schlechter geworden sind. Für das Jahr 1958 trifft diese Feststellung auch ohne Zweifel zu. Wenn es dennoch zu dem besten Bankenjahr nach der Währungsreform“ wurde, wie auf der Pressekonferenz der Commerzbank AG der Sprecher des Hauses, Dr. Hanns Deuss, erläuterte, dann lag es daran, daß die Erträge aus anderen Quellen, vor allem aus dem Wertpapiergeschäft, reichlicher flossen als in den Vorjahren. Das kommt in der Dividendensteigerung auf 14 (12) v. H., die zudem durch die Körperschaftsteuersenkung für ausgeschüttete Gewinne wesentlich erleichtert wurde, nur zu einem geringen Teil zum Ausdruck. Die Ertragskraft einer Bank läßt sich niemals allein an der Dividende ablesen; sie zeichnet sich vor allem in der Bildung der offenen und stillen Reserven ab.

Nun ist es für den Aktionär (wie überhaupt für den Außenstehenden) schwer, bei der Gewinnermittlung zu einigermaßen exakten Ergebnissen zu kommen. Stille Reserven sollen ja gerade vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben, damit man sie dann in Anspruch nehmen kann, wenn sich eines Tages Verluste häufen sollten. Würde man in solchen Fällen die offenen Rücklagen in Anspruch nehmen, dann wäre es um „den Ruf“ des Instituts geschehen. Offene Rücklagen bei einer Bank sind deshalb praktisch „nicht dividendenberechtigtes“ Grundkapital.

Was zeigt nun die Commerzbank an Gewinnen? Das Grundkapital der Bank hat sich in 1958 um 10 Mill. DM aus der vor der Fusion vorgenommenen Kapitalaufstockung der Frankfurter Schwesterbank auf 150 Mill. erhöht. Seine Verzinsung erfordert bei 14 v.H. einen Betrag von 21 Mill. DM. In die offenen Rücklagen wurden 17 Mill. eingestellt; sie erreichen damit 103 Mill. DM. Geht man von den Steuern aus, berücksichtigt weiter die steuerfreien Einnahmen aus den festverzinslichen Wertpapieren (sie sind in der Bilanz per 31. 12. 58 auf 438,8 (200,3) Mill. DM gestiegen, davon sind 60 v. H. steuerfreie und steuerbegünstigte Papiere) sowie die damals noch niedrigeren Steuersätze für Einnahmen aus Schachtelbeteiligungen dann kommt man ungefähr auf einen Betrag zwischen 12 und 13 Mill. DM, der den stillen Reserven zugeführt sein muß. Damit reicht die Commerzbank zwar nicht an die Ertragskraft der Dresdner Bank und vor allem der Deutschen Bank heran, aber ohne Zweifel hat sie in den letzten Jahren aufgeholt. Daß die Commerzbank angesichts ihrer überdurchschnittlichen Kriegs- und Nachkriegsverluste einen recht schweren Start hatte, ist bekannt. Hinzu kam, daß bei ihr die Aufsplitterung in drei Nachfolge-Institute länger aufrechterhalten wurde als bei den anderen beiden Großbanken. Außerdem war das Vorspiel zur „Wiedervereinigung“ nicht frei von Problematik.

Man kann nicht verlangen, daß die „Vergangenheit“ schon im ersten Abschluß nach der Fusion der Commerzbank abgeschüttelt worden, ist, zumal der Wiederzusammenschluß formell erst im Herbst vergangenen Jahres zustande kam und praktisch noch im vollen Gange ist. Es ist aber unbedingt ein Fortschritt, daß die Bank in diesem Jahr fast völlig auf ein „window-dressing“ in der Bilanz verzichtet hat. Mit diesem Hinweis bestätigte Dr. Beuss indirekt, daß in der Vergangenheit die „stolzen“ Bilanzsummensteigerungen nicht immer ganz echt gewesen sind.

In der Bilanz per 31.12.58 sind etwa 100 Mill. DM herausgefallen, die auf das Konto der Fusion gingen. Das hat dazu beigetragen, daß die Commerzbank in diesem Jahr mit der Zunahme der Bilanzsumme und der Einlagensteigerung erstmals hinter den anderen beiden Großbanken merklich zurückbleibt. Daß die Commerzbank aber in den letzten Jahren wirkliche Fortschritte gemacht hat, zeigt der steigende Anteil am Gesamtgeschäft der Großbanken; am 1. Januar 1952 betrug er 20,1 v. H., am 31. Dezember 1958 bereits 26,4 v. H.

Ein Punkt, der in der Commerzbank-Bilanz besondere Beachtung verdient, ist die Relation zwischen dem ausgewiesenen Eigenkapital von 253 Mill. DM zu der auf 5,6 (5,3) Mrd. DM gestiegenen Bilanzsumme. Die Eigenmittel machen nur 4,5 v. H. an der Bilanzsumme aus; mit diesem Verhältnis steht die Commerzbank in der Großbanken-Gruppe an letzter Stelle. In der Verwaltung scheint man deshalb auch dem Gedanken einer Kapitalerhöhung nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberzustehen. Sie wird jedoch von einem weiteren Wachstum der Bilanzsumme abhängig gemacht. In diesem Jahr kann der Commerzbank-Aktionär noch kaum mit einem Bezugsrecht rechnen. Ob es im nächsten Jahr der Fall sein wird, hängt auch davon ab, inwieweit sich die anderen Institute für eine Aufstockung des Grundkapitals erwärmen werden. Man möchte – diesen Eindruck konnte man gewinnen – nicht gern isoliert handeln.

Die Bilanz der Commerzbank bietet im Vergleich zu den anderen Zahlenwerken der Kreditinstitute keine allzu großen Überraschungen. Ursache für das Wachstum der Bilanzsumme war die Zunahme der Einlagen um etwa 5 v. H. auf 4,7 Mrd. Da das Mehr an Einlagen nur zu einem kleinen Teil im Kreditgeschäft Verwendung finden konnte, wurden die liquiden Mittel, vor allem aber die Wertpapierbestände, verstärkt. Die Ertragslage wurde – wie schon erwähnt – wesentlich durch die rückläufige Zinsmarge im Kreditgeschäft (nach Angaben der Bank fiel sie unter 2 v. H.) beeinflußt. Hier zeichnet sich aber eine Besserung ab, die nicht auf das Konto des Kreditnehmers geht, sondern dadurch zustande kommt, daß sich jetzt die Zinsermäßigungen bei den Einlagen voll auszuwirken beginnen. Gleichzeitig ist eine Belebung der Kreditnachfrage eingetreten. Da sich auch das Wertpapiergeschäft weiterhin in „voller Blüte“ befindet, braucht der Aktionär nicht zu befürchten, daß ihm aus seinen Aktien für 1959 weniger als 14 v. H. Dividende zufließen werden – es sei denn, unvorhergesehene Ereignisse brechen über uns herein. K. W.