Ein Prozeß, der zweimal stattfand: in der Zone und in Westberlin

E–n, Berlin

Wenn die fünf Studenten, die am vergangenen Sonnabend von einem Dresdner Bezirksgericht wegen Staatsverrats zu insgesamt 37 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt wurden, bis. zum Wochenende nicht Berufung einlegen, wird der über sie verhängte Schuldspruch rechtskräftig.

In der Regel machen Zonenbewohner, die wegen politischer Delikte bestraft wurden, von ihrem Berufungsrecht keinen Gebrauch. Wer sein Urteil hinnimmt, eröffnet sich damit die Aussicht im Begnadigung nach Verbüßung der Hälfte seiner Strafe. Wer aber Revision einlegt, erweist sich als „uneinsichtig“ und kann mit einem Gnadenerweis kaum rechnen. Von Überlegungen dieser Art mögen sich auch die Dresdner Verurteilten leiten lassen.

Als die Studenten der Westberliner Universitäten zu Beginn des gegen ihre Kommilitonen in der Zone eingeleiteten Strafverfahrens vor der frage standen, ob sie nicht bereits gegen die Verhaftungen protestieren sollten, richteten sie ihr Verhalten ebenfalls nach westpolitischen Motiven.

Sie verzichteten auf Demonstrationen in der Annahme, daß sie damit den Verfolgten ihr Los erleichtern könnten, und sie machten dann in der gleichen Erwartung von der Möglichkeit Gebrauch, an dem Gerichtsverfahren in Dresden als Beobachter teilzunehmen. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie in Westberlin vor der Presse über ihre Erfahrungen.

Richter auf der Anklagebank