Obgleich der Präsident der Deutschen Bundesbank, Karl Blessing, sich in der vergangenen Woche recht kritisch über den allzu stürmischen Kursanstieg bei den deutschen Aktien äußerte und die Ansicht vertrat, daß die Kurse in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zur Verzinsung stehen, ist die Aktienhausse weitergegangen. Es ist auch schwer, eine Aufwärtsbewegung zu bremsen, solange auf den Zins gedrückt wird und solange die Masse der Aktienkäufe auf Rechnung von Ausländern geht, die andere Maßstäbe anzulegen gewohnt sind, als wir sie bislang kannten. Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob die neuen Maßstäbe richtig sind. Aus amerikanischer Sicht betrachtet, werfen die deutschen Spitzenwerte teilweise noch eine Rendite ab, die international durchaus als reizvoll gelten kann. Jedenfalls ist sie lockender als bei den meisten französischen und Schweizer Spitzenpapieren.

Recht ungewohnt ist für uns die Plötzlichkeit, mit der die Amerikaner zu reagieren und mit welchen Beträgen sie zu operieren pflegen. Die deutschen Aktienmärkte sind für derartige Reaktionen einfach deshalb nicht reif, weil Aktien immer noch Mangelware sind. Das Aktienvolumen ist nicht im entferntesten so gewachsen, wie es dem steigenden Interesse entsprochen hätte. Schlimm ist, daß sich hierin keine Änderung anbahnt. Weder die Gesellschaften lassen erkennen, daß sie künftig ihre Kapitalbeschaffung über Aktienemissionen durchführen wollen (steuerlich kostspielig!), noch scheint der Finanzminister gewillt zu sein, die bisherigen Steuergesetze so zu reformieren, daß die aus Steuergründen unverkäuflich gewordenen Aktien ohne einen steuerlichen Selbstmord wieder auf den Markt geworfen werden können. Man muß deshalb unterstreichen, was die Berliner Bank in ihrem letzten Börsenwochenbericht schreibt: "Der Börsenkurs ist nun einmal ein Marktpreis. Marktpreise spiegeln in erster Linie ein Knappheitsverhältnis wider. Erst in zweiter Linie kommt in ihnen ein ohnehin nur schwer definierbarer Ertragswert zum Ausdruck." Wer sich über "zu hohe Börsenkurse" beklagt, sollte sich in die Front derjenigen einreihen, die sich nun schon seit Jahren für eine vernünftige steuerliche Regelung bei Aktienverkäufen bilanzierender Unternehmen einsetzen.

Eines ist sicher, mit der Internationalisierüng der deutschen Aktienmärkte ist das Kursrisiko größer geworden. Die US-Wertpapierexperten haben bei ihrem Besuch in der Bundesrepublik deutlich zu erkennen gegeben, was der amerikanische Anleger von seinen deutschen Wertpapieren erwartet. Er will Gewinne erzielen, und zwar möglichst steuerfreie. Deshalb ist er an Kurssteigerungen interessiert und an Dividenden nur soweit, als sie den Kurs beeinflussen. Der amerikanische Anleger wird Gewinne realisieren, er ist im allgemeinen beweglicher als der deutsche Sparer. Der Amerikaner will alles andere sein als "ein treuer Aktionär". Treu ist er nur dann, wenn er dafür honoriert wird. Unter diesen Umständen sagen viele Banken künftig größere Schwankungen voraus, einige Institute raten dazu, angesichts der hohen Kurse Kreditengagements auf Wertpapiere (sie spielen insgesamt nur eine untergeordnete Rolle) weiter abzubauen.

Es ist allerdings schwer, der Bankenkundschaft zur Mäßigung zu raten, solange die Kurse steil nach oben klettern. Alle Warnungen, die in den vergangenen Monaten ausgesprochen wurden, waren letztlich falsch, wenn man die jüngere Kursentwicklung betrachtet. Viele Effektenberater haben angesichts dieser Tatsache resigniert...

Als ein ausgesprochener Börsenschlager erwiesen sich am Wochenbeginn die meisten Montanaktien. Hier ließen sich Renditen errechnen, die noch bei annähernd 5 v. H. lagen, während Banken und IG-Farben-Nachfolger heute nur noch rund 3,5 v.H. bringen. Wenn dieses Gefälle erst jetzt abgebaut wird, dann lag es an der Ungewißheit, ob die Montangesellschäften auf Grund ihrer als besonders schwierig angesehenen Rentabilitätslage in der Lage sein würden, für das laufende Geschäftsjahr ihre Dividenden auf der bisherigen Höhe zu halten. Da die veröffentlichten Geschäftsberichte der einschlägigen Unternehmen jedoch günstiger klingen, als man auf Grund der vielen Klagen zu hoffen gewagt hatte, sah die Bankenkundschaft nicht ein, warum die Aktien der so gut fundierten Montanunternehmen "unterbewertet" bleiben sollten! Die eigentliche Kaufwelle wurde ausgelöst, als nahezu alle Wertpapierberatungsdienste in schöner Einheit ihren Lesern empfahlen, Montanaktien zu kaufen. Daraufhin fuhr auch der Montan-Zug ab!

Kurt Wendt