Die größte elektrotechnische Schau der Welt nennen Fachleute das Angebot der 1209 Firmen in den Hallen 10, 11, 13 und dem Messehaus. Die Zahl der ausländischen Aussteller ist weiter auf über 200 gestiegen. Starkes Interesse an der hannoverschen Messe zeigen vor allem französische Elektrofirmen. Im Vorjahr war der Verband der französischen Elektroindustrie zum erstenmal mit einer beachtlichen Gruppe seiner Mitgliedsfirmen vertreten. Ihr offensichtlich gutes Messegeschäft hat auch das Angebot anderer Länder verstärkt. Neben den französischen Firmen treten diesmal Unternehmen aus Holland, der Schweiz und Großbritannien stärker in Erscheinung.

Die westdeutsche Elektroindustrie hat wieder ein gutes Jahr hinter sich. Nach vorläufigen Zahlen ist die Produktion 1958 auf 14,7 Mrd. DM gestiegen; das sind reichlich 11 v. H. mehr als im Vorjahr. Der Umsatz nahm in fast gleichem Ausmaß auf 15,45 Mrd. DM zu. Dieses überdurchschnittliche Wachstum der westdeutschen Elektroindustrie beruht nach Meinung von Fachleuten auf einer anhaltenden und anscheinend noch zunehmenden Tendenz zur Elektrifizierung. Daneben hat es die Elektroindustrie auch verstanden, eine Reihe neuer Anwendungsbereiche zu erschließen. Es ist charakteristisch, daß von den Patenten, die das Deutsche Patentamt in München seit der Währungsreform erteilt hat, 18 v. H. auf die Gruppe Elektrotechnik entfallen. Der Vorsitzende des Zentralverbandes der Elektrotechnischen Industrie, Dr. Thörner, sprach in einem Vortrag von über 32 000 deutschen Patenten der Gruppe Elektrotechnik seit 1948. Auch in den Gebrauchsmuster-Eintragungen steht die Elektroindustrie vor der Chemischen Industrie an der Spitze. Wie stark sich das Produktionsprogramm der Elektroindustrie ausweitet und differenziert, geht deutlich auch aus einer amerikanischen Veröffentlichung hervor. Danach erwartet die Elektroindustrie der USA, daß im Jahre 1960 etwa 20 v. H. ihres Umsatzes auf solche Erzeugnisse entfallen, die 1957 noch nicht auf dem Markt waren!

Optimistisch gestimmt werden besonders die Hersteller von Elektrogeräten für den Haushalt durch Vergleiche zwischen Amerika und der Bundesrepublik. Nach den neuesten Erhebungen besitzen in Westdeutschland von 100 Haushaltungen erst 17 einen Kühlschrank, in den Vereinigten Staaten dagegen 97. Von 100 westdeutschen Haushaltungen haben erst 19 eine elektrische Waschmaschine gegenüber 89 in Amerika. Selbst bei Staubsaugern besteht noch eine beachtliche Differenz. Nur bei Rundfunkgeräten, Elektroherden und Heizkissen ist annähernd ein Gleichstand erreicht.

Tatsächlich ist die jüngste Ausweitung der westdeutschen Elektroindustrie stark gefördert worden durch die „technische Welle“ im Haushaltsbereich. So ist zum Beispiel der Kühlschrankabsatz (bis 250 Liter Inhalt) von 134,9 Mill. DM im ersten Quartal auf 195,0 Mill. DM im letzten Quartal 1958 gestiegen. Noch eindrucksvoller ist eine Gegenüberstellung des vierten Quartals 1957 mit dem gleichen Zeitraum 1958; denn die Produktion stieg von 114,8 auf 195,0 Mill. DM! Die Produktion der elektromotorischen Wirtschaftsgüter nahm zu von 217 Mill. DM im ersten Quartal 1958 auf 265 Mill. DM im letzten Quartal.

Die Gebrauchsgüter haben auch insgesamt an der Produktionssteigerung des letzten Jahres in der Elektroindustrie erheblichen Anteil. Sie machten fast 70 v. H. der Produktionszunahme aus und erhöhten damit ihren Anteil an der gesamten Erzeugung auf beinahe 37 v. H.

Nicht in jedem Zweig der Elektroindustrie herrscht ein solcher Optimismus. Bei den Investitionsgütern zeigen sich Unterschiede und in einzelnen Bereichen auch Schwächen. So blieben die Absatzschwierigkeiten im Bergbau, in der Stahlindustrie, im Schiffbau, aber auch in der Textilindustrie nicht ohne Auswirkungen. In jüngster Zeit macht es sich auch bemerkbar, daß der Stromverbrauch nicht mehr in der erwarteten Weise gestiegen ist. So berichtete vor kurzem der Vorstandsvorsitzer der AEG, Dr. Hans C. Boden, daß die größeren Energieunternehmen, wie das RWE, ihre Investierungen teilweise zurückgestellt hätten. „Das trifft uns natürlich hart. Wir können die Aufträge, die wir sonst vom RWE bekommen haben, nicht an anderen Stellen hereinholen, weil alle anderen Werke ja in der gleichen Lage sind.“

Aber nicht alle Schwierigkeiten in der Investitionsgüter-Industrie ziehen die Elektroindustrie in Mitleidenschaft; sie wirken sich teilweise sogar günstig aus. So ist der Bedarf an Rationalisierungs- und Automatisierungsanlagen anhaltend groß. Es überrascht daher nicht, daß an der Spitze der Produktionszunahme bei den Investitionsgütern der Elektroindustrie die Regel- und Steuerungseinrichtungen stehen. Ihr Produktionswert nahm von 57 Mill. DM im vierten Quartal 1957 stetig auf 76 Mill. DM im letzten Quartal 1958 zu.