Von Helmut Schelsky

Die Bücher Rosenstock-Huessys kann man nicht wie eine fachwissenschaftliche Neuerscheischeinung unter objektiven wissenschaftlichen Kriterien „besprechen“ – auch wenn sie scheinbar so fachwissenschaftliche Titel wie etwa Soziologie, Zweiter Band“ tragen: Die geniale Subjektivität dieses Denkers entzieht sich bewußt allen objektiven wissenschaftlichen Maßstäben und will gerade durch die subjektive Lebendigkeit wirken. Allerdings bilden die kürzlich erschienenen zwei Werke eine Art Bilanz seines Denkens im letzten Jahrzehnt, ja seines Lebens überhaupt und könnten daher zu dem Versuch führen, die Erscheinung Eugen Rosenstock-Huessys objektiv zu würdigen.

Eugen Rosenstock-Huessy: „Soziologie“, II. Band („Die Vollzahl der Zeiten“); Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 774 S., 47,– DM,

Eugen Rosenstock-Huessy: „Das Geheimnis der Universität – Wider den Verfall von Zeit, Sinn und Sprachkraft“, Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950-57, herausgegeben von Georg Müler; Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 320 S., 27,– DM.

Aber was sollte der Maßstab dieser „Objektivität“ sein gegenüber einem Denker, der die konventionell geltenden Maßstäbe unserer Wissenschaft, insbesondere der Soziologie, Philosophie, Geschichtsschreibung und Theologie, gerade in Frage stellt?

Rosenstock-Huessy stellt nichts „objektiv“ dar, auch wenn er sich, wie es in den beiden genannten Werken ausführlich geschieht, etwa mit dem Horus-Kult in Ägypten oder mit der Kalenderrechnung in Rom befaßt. Auch wenn er „Soziologie“ oder „Universalgeschichte“ schreibt, immer geht es ihm um die „Vergegenwärtigung“, das heißt um ein Lebendigmachen der Geschichte, der sozialen Strukturen, der religiösen und philosophischen Gedanken in der Weise, daß sie den Menschen wandeln, daß sie zu Taten führen.

So begibt er sich überhaupt nicht auf die Ebene der rationalen Beschreibung und Argumentation, auf der sonst unser übliches wissenschaftliches Denken abläuft, sondern er predigt, fragt, lobt, beschwört, provoziert, mahnt, schimpft, das heißt, er hat den Leser – nein, das ist schon falsch: er hat das Du, auf das er einspricht, in einer Weise „beim Wickel“, daß dieses Du selbst wiederum nur als Person reagieren kann: Ja oder Nein sagen, Staunen, nachfolgen, abwehren – antworten muß.