Von Heinrich Stiege,

Vorsitzer des Ausstellerbeirats der Deutschen Industrie-Messe

Als erstes muß einem Mißverständnis vorgebeugt werden, der Auffassung nämlich, es handle sich bei dem „neuen Messestil“ um einen werbekräftigen Slogan, der am Schreibtisch erdacht worden ist, um den Kunden, das heißt den Aussteller und Besucher zu gewinnen. Hannover ist in seinen Stil in einem Jahrzehnt organisch hineingewachsen. Im vorigen Jahr wurde allerdings besonders klar definiert, was die Eigenart gerade dieser Messe ist und worin sie sich von anderen Messeveranstaltungen unterscheidet.

Um das zu verdeutlichen, sei kurz die wohl bedeutendste der Messen „alten Stils“, die Messe in Mailand, geschildert. Jedes Frühjahr strömen Millionen Menschen nach Mailand zur Messe. Bietet sich doch dem Besucher und Beschauer nicht nur ein Spectaculum, das sich dem der berühmten Messen und Märkte in der Hochblüte des Mittelalters getrost zur Seite stellen kann. Eindrucksvolle, dreidimensionale Plakate, wie sie die Ausstellungsstände und Pavillons der großen Unternehmungen darstellen, und daneben das Angebot Hunderter von Neuigkeiten. All diese begehrenswerten Dinge sind auch nicht etwa nur dem Einkäufer und Händler vorbehalten, sondern praktisch kann jeder Besucher nahezu alles, was ihm gefällt, auf der Messe kaufen, von der Leckerei bis zur Haushaltsmaschine, vom modischen Damentäschchen bis zum Teppich. Freilich hat das auch seine Schattenseiten: das Messegelände ist von Menschen überflutet, die Stände sind überfüllt, und der Einkäufer von auswärts oder gar von Übersee gewinnt angesichts einer nicht sehr klaren Branchengliederung nur schwer den Überblick über das Gesamtangebot der Waren.

Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht auch dieser traditionelle Messestil seine hohe Bedeutung für das veranstaltende Land hat. Gerade seine oben geschilderten Nachteile haben jedoch schließlich dazu geführt, daß in den letzten Jahrzehnten der Wunsch nach der nüchternen, aber überschaubaren Fachmesse derartige Fachveranstaltungen in beängstigend großer Anzahl entstehen ließ. Ein Gegengewicht gegen die damit drohende Zersplitterung bedeuten die modernen Großmessen als organische Vereinigung von Fachmessen am gleichen Ort und zur gleichen Zeit.

Und das ist das Gesetz, nach dem Hannover angetreten ist und nach dem es sich zu entwickeln strebt. Die Industriemesse Hannover, die als Exportmesse vor mehr als zehn Jahren ins Leben gerufen wurde, stellt für eine Reihe wichtiger Branchen der Produktions- und Konsumgüterindustrie in klarer Gliederung einen Markt auf hoher Ebene dar, bei dem zwar auch noch das Orderbuch seine wichtige Rolle spielt, bei dem aber darüber hinaus der Konferenzblock eine entscheidende Bedeutung gewinnt. Führt die letzte April- und die erste Maiwoche doch in jedem Jahr nicht nur Ein- und Verkäufer und nicht nur die Techniker der Geschäftspartner, sondern auch die Leiter der ausstellenden und der besuchenden Unternehmen zusammen zu Gesprächen, bei denen über den aktuellen Abschluß hinaus die Zusammenarbeit auf lange Sicht geplant wird und gemeinsam neue Wege gefunden werden.

Hier liegt auch die große Bedeutung Hannovers für die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern: So wie man längst herausgefunden hat, daß es nicht genügt, diesen Staaten und Völkern hochwertige Maschinen und Apparaturen und ebenso hochwertige Fachleute für den industriellen Aufbau zur Verfügung zu stellen; sie müssen begleitet sein von Menschen, die die Brücke zu schlagen verstehen zu den Menschen der Entwicklungsländer. Der ausländische Besucher will auf der Messe nicht nur technische Höchstleistungen bewundern, er sucht den Kontakt mit den Herstellern solcher Produkte und erwartet ihr Verständnis für die besonderen Probleme seines Landes und seiner Arbeit. In diesem Sinn hat Professor Erhard bei einem der schon traditionell gewordenen Auslandstage in Hannover davon gesprochen, daß die Messe die Plattform für Gespräche auf hoher Ebene darstelle.