h. l.. Kassel

Bisher hielten es die SED-Funktionäre bei „gesamtdeutschen Arbeitertreffen“ in der Zone für angebracht, Namen und Herkunftsort der westdeutschen Redner und Teilnehmer zu verschweigen – um den „Hans aus Westfalen“ oder den „Herbert aus Bayern“ vor den „Repressalien der Adenauer-Polizei“ zu schützen. Bei der „IX. Gesamtdeutschen Arbeiterkonferenz“ in Leipzig (Ehrengast: Nikita Chruschtschow) brachen sie indes mit dieser Übung. So blieb also nicht verborgen, daß es der Vorsitzende der Kreisverwaltung Kassel der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), Karl Eckerlin, war, dessen Ausführungen den meisten Anklang fanden – auch bei den hohen Herren am Tisch der Ehrengäste.

In seinem ersten Bericht verzichtete „Neues Deutschland“ zwar darauf, die Rede Eckerlins ausführlich zu zitieren. Aber der „Spiegel“ hatte seine Nase diesmal auch in Leipzig, und er verbreitete hierzulande die erste Kunde von den rednerischen Eskapaden des Kasseler ÖTV-Funktionärs. Dieser Bericht löste die Lawine aus, aus der sich der „Fall Eckerlin“ entwickelte, und die noch weiter anschwoll, als das SED-Organ nun unvermittelt und mit reichlichem Verzug die Rede Eckerlins abdruckte. Dieser Veröffentlichung aber war zu entnehmen, daß Eckerlin in Leipzig sich nicht nur für den freundlichen Empfang bedankt hat, sondern auch seine Ansichten über die westdeutsche Politik zum besten gab.

So erklärte er: „Wir alle haben das Wirtschaftswunder erlebt. Das ist nun nahezu vorbei, und nun sucht man nach rein kapitalistischer Methode nach einem Ausweg. Und diesen Ausweg sieht man einzig und allein in der Wiederaufrüstung.“

Eckerlin verwunderte sich auch höchlichst, daß die Sowjetunion trotz der deutschen Kriegsschuld einen so gnädigen Friedensvertrag vorgeschlagen hat. Dessen Lektüre war für ihn offenbar eine freudige Überraschung, aus der er den Schluß zog: „Wenn wir einigermaßen vernünftig sind, dann gibt es für uns keine andere Möglichkeit, als diesen Friedenvertrag so schnell wie möglich zu unterzeichnen.“

Der Kasseler ÖTV-Vorsitzende versäumte auch nicht, seinem Unmut über die Aktion „Macht das Tor auf!“ Luft zu machen, da nach seiner Meinung allein die westliche Politik die Schuld am Zuschlagen des deutschen Tores trägt. Daß gerade der Westen sich jetzt mit „Forderungen“ an den Osten wendet, riß den Kasseler Sprecher zu der Feststellung hin: „Wahrhaftig, man kann sich keinen größeren Blödsinn vorstellen.“

An dieser wie auch an anderen Stellen verzeichnet die SED-Zeitung getreulich „Heiterkeit“ und „Beifall“; zum Schluß der Eckerlinschen Ausführungen sogar „lebhafte Bravorufe und stürmischen, lang anhaltenden Beifall“. Kein Wunder also, daß sich „Neues Deutschland“ nachträglich noch versuchte, Eckerlin gegen Verdächtigungen in Schutz zu nehmen: