I. Wie leben die Franzosen unter de Gaulle? – Ein Pariser Tagebuch

Von Josef Müller-Marein

Die erst Frage, die ich bei den meisten Pariser Begegnungen hörte, lautete: "Wie lange bleiben Sie in Paris?"

"Solange, wie man braucht, um die gegenwärtige französische Politik zu begreifen!"

"Nun, da werden wir wohl noch zwanzig Jahre mit Ihnen das Vergnügen haben ..."

Ausdrücklich: das Vergnügen! – so daß man wieder einmal sieht, wie höflich doch die Franzosen sind. Ein anderes Mal jedoch erhielt ich folgenden Rat: "Wann sind Sie angekommen – gestern? Dann setzen Sie sich schleunigst hin, um Ihre Artikel über uns zu schreiben! Denn nächste Woche werden Sie sich eingewöhnt haben, und dann wird es womöglich zu spät sein ..."

Aber gottlob gab es auch einen, der mir sagte: "Lassen Sie sich’s nicht verdrießen, einigen hiesigen Wahrheiten gründlich auf die Spur zu kommen, und schenken Sie sich Zeit dazu. Denn hierzulande geht nichts schnell." Jedoch muß man wissen, daß dieser tröstliche Ratgeber ein Elsässer war und darum ein zur Gründlichkeit neigender Geist. Auch hatte damals François Mauriac, der große Schriftsteller und erklärte Katholik (an dessen Katholizismus wir ebenso zweifeln dürfen, wie wir seine schriftstellerische Größe bewundern müssen), sich von seinem jungen Freund de Castillo, der gerade aus Deutschland zurückgekehrt war, einen gewaltigen Bären aufbinden lassen, einen braunen. Die deutsche Jugend neo-nazistisch verseucht, die älteren Jahrgänge nichts Faschistisches vergessen und nichts Demokratisches hinzugelernt und "Hakenkreuze, die über Hamburg flattern" – das war die Quintessenz dessen, was Mauriac den mündlichen Berichten des Autors de Castillo entnommen hatte und nun schriftlich und öffentlich verbreitete, obwohl dieser sein "Gewährsmann" bloß acht Tage am Main und an der Elbe gewesen war, ganze acht Tage!