Exportboom mit unsicheren Vorzeichen – Die Stütze liegt im Inlandsgeschäft

Von Ingrid Neumann

In der westdeutschen Stahlindustrie ist es Frühling geworden. Die Mienen der Stahlerzeuger beginnen sich aufzuhellen. Hier und da keimt sogar die Hoffnung auf, daß diese Industrie, die jetzt fast ein Jahr lang von der Konjunktur recht stiefmütterlich behandelt worden war, am Beginn eines neuen Booms stehe. Zwar sind die Werke, die mit rasantem Optimismus in die Marktbelebung hineinsegeln, noch keineswegs in der Überzahl; aber eine – wenn auch noch vorsichtige – Freude beherrscht wieder das Revier; schwarz ist es nur noch bei der Kohle...

Die Auftragsbücher der Hütten- und Walzwerke an der Ruhr füllen sich wieder. In fast allen Teilbereichen der Stahlerzeugung liegt das Geschäft jetzt – mit ansteigendem Trend – über den Ergebnissen des Jahres 1958. Die gesamten Auftragseingänge an Walzstahlfertigerzeugnissen sind im März auf 1,189 Mill. t geklettert, nach 1,124 Mill. t im Februar und 0,956 Millionen t im Januar. Der Monatsdurchschnitt des vergangenen Jahres betrug 1 Mill. t.

Nachdem die regere Bestelltätigkeit zunächst bereits im Februar geradezu sprunghaft auf den Exportmärkten eingesetzt hatte, zeigt sich in jüngster Zeit auch der Inlandsmarkt aktiver. Der Auftragseingang aus der Bundesrepublik allein überstieg im März mit 842 000 t erstmalig den Monatsdurchschnitt des vergangenen Jahres von 776 000 t, in dem immerhin noch die ersten sehr guten Monate verrechnet sind. Die Nachfrage aus den Ländern des Gemeinsamen Marktes hat sich im März mit 75 000 t gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt, nachdem auch hier der Februar noch keinerlei Belebungsmomente spüren ließ. Dafür aber ist das Exportgeschäft schon länger aufgeblüht. Seit Wochen registriert die westdeutsche Stahlindustrie Auftragseingänge aus dritten Ländern, die weit über den Vorjahrsdurchschnitt hinausgehen. Schon im Februar konnten Aufträge über 305 000 t Walzstahlfertigerzeugnisse aus dritten Ländern verbucht werden; der Monatsdurchschnitt 1958 lag bei 189 000 t. Im März waren es 272 000 t, und auch der April zeigt bisher weiter steigende Tendenz.

Die Inlandsbelebung wird vor allem getragen von dem üblichen Saisonaufschwung – der im vorigen Jahr völlig ausgeblieben war – und von einer guten Baukonjunktur. Das Geschäft in Betonstahl, Formstahl, Stabstahl und auch wieder Walzdraht, hat angezogen. Der Feinblechmarkt wird sogar schon als „normal“ bezeichnet. Die westdeutschen Feinblecherzeuger verzeichneten im Februar 158 000 t und im März 192 000 t Bestellzugänge nach 146 000 t im Monatsdurchschnitt des Jahres 1958. Selbst die Grobblecherzeugung, die zusammen mit Röhren das heikelste Sorgenkind der Baisse war, erfreut sich wieder eines wacher werdenden Interesses der Verbraucher. Nach 125 000 t im Januar stiegen die Auftragseingänge im Februar auf 215 000 t und hielten sich im März auf 200 000 t. Besonders bei diesem Produkt wird die sprunghafte Exportentwicklung deutlich; die Januaraufträge enthielten noch 15 500 t für dritte Länder, der Februar bereits 57 000 t und der März ungefähr die gleiche Menge.

Insgesamt liegt der Auftragsbestand der westdeutschen Eisen- und Stahlindustrie immer noch unter dem vor der Krise gewohnten Ausmaß, aber das ist heute mehr ein Indiz für die kurzfristigeren Lieferwünsche der Verbraucher. Die Werke sind wieder für zwei bis drei, in Einzelfällen sogar schon für vier Monate eingedeckt. Erstmalig seit Monaten liegen die Auslieferungen der Werke wieder unter den Auftragseingängen. Dazu kommt die überraschende Mitteilung, daß die Stahlindustrie – von Außenseitern, die es nach wie vor gibt, abgesehen – sich wieder der Vollbeschäftigung nähert. Im April wird zum ersten Male nach Monaten bei einzelnen Hüttenwerken eine hundertprozentige Kapazitätsausnutzung erreicht. Die Zahl der Werke, die mit 90 bis 92 v. H. ihrer Möglichkeiten arbeiten, ist recht ansehnlich. Die Kurzarbeit für Stahlarbeiter, die in den Krisenmonaten, als der durchschnittliche Ausnutzungsgrad der Industrie auf unter 70 v. H. abgerutscht war, eingelegt werden mußte, ist nahezu überall im Revier wieder aufgehoben worden. Es sind sogar schon, wenn auch noch im begrenzten Umfange, einzelne Belegschaften wieder erweitert worden.