Es kommt nicht darauf an, den Krieg zu hassen, so ließ Albrecht Goes, der Dichter und evangelische Geistliche, in der Erzählung "Unruhige Nacht" seinen Kriegspfarrer im Rußlandfeldzug sagen, "es ist notwendig, ihn zu entzaubern!" Nachdem es auch einen Film "Unruhige Nacht" gegeben hat, der leise, aber deutlich die Entzauberung vornehmen wollte, ist unlängst von dem aus Hollywood zurückgekehrten Regisseur Frank und kleine Fische", ZEIT Nr. 4357, kennen) der Versuch gemacht worden, die Tragödie der deutschen Wehrmacht von 1942 an der Wolga ins Bild zu zwingen. Am Schluß marschieren die 6000 Gefangenen, die von den 320000 der 6. Armee in Stalingrad übrigblieben, über die eisige russische Ebene in die Gefangenschaft. Ich bin kein Historiker, aber ich habe den Krieg an der "Heimatfront" Berlin erlebt und gehöre noch zu denen, die aus eigener Erfahrung Etwa 200 Personen, darunter zahlreiche Studenten, stehen in New York, zwischen der 39 und 40. Straße, Schlange (Bild links): einige von ihnen schon seit dem Vorabend "Was in einem so reichen Land so außergewöhnlich begehrenswert erscheint, sind Karten für das Ballett des Moskauer "Bolschoi teatr", das zum erstenmal in den USA gastiert — Charlie Chaplin (Bild rechts), der aus London stammende Schauspieler, Regisseur, Autor, Produzent (und zuweilen Komponist), ist durch Filme, die er in Amerika drehte, weltberühmt geworden, durch ein Programm und eine Figur. Hinter der grotesken Possierlichkeit Charlies, der mit Melone und Spazierstöckchen einherwatschelte, verbarg sich tiefes Mitleid mit den "Armseligen und Beladenen". Am 16. April feierte er in seinem Haus in Ve vey (Schweiz) seinen 70. Geburtstag. Hier hört Jubilar Charlie den Dorfkindern zu, die ihm zu Ehren Volkslieder singen. Im Vordergrund (von links nach rechts): Oona Chaplin, Charlie Chaplin, Eugene, Victoria. Im Hintergrund: Michael, Geraldine, die Tänzerin Noelle Adam und Josephine. Auf n (2): AP wissen, daß das, was wir erlebten, grauenhafter ist als alles, was darüber geschrieben und in Bildern berichtet wird.

Dieser Wisbar Film mit dem Titel "Hunde, wollt ihr ewig leben"( das Wort Friedrichs des Großen an seine zurückweichenden Grenadiere bei Kolin ist nicht verbürgt) versucht wahr und phrasenIps zu sein. Er beginnt wirkungsvoll mit einer klingenden Parade in Berlin, auf die durch einen harten Schnitt ein Leichenfeld im russischen Winter folgt. Aber selbst die Hereinnähme von Bildern aus deutschen und russischen Wochenschauen, die äußerlich gewahrte Authentizität, die "Wirklichkeitstreue", reicht nicht an das heran, was Krieg wirklich ist. Blutiges Film Gemetzel und Geknalle machten noch keinen Antikriegsfilm. Da hat es sogr das Theater leichter. Es deutet nur an und läßt der Vorstellungskraft des einzelnen mehr Raum. Selbst das Buch kann den Leser mit der harten Wahrheit besser konfrontieren. Ich meine nicht das Buch von Fritz Wöß, das diesem Film den Titel und die Hauptfigur gab; es ist in der Qualität zu gering. Was will dieser Film?( Produktion und Verleih: Deutsche Film Hansa). Wisbar schrieb auch das Drehbuch. Nur der Titel provoziert. Leider spürt man die Konstruktion etwas zu sehr, in der hier nach bekanntem Schema" der junge,verführte,tapfere, idealistische Nationalist auftritt ist, ein kühler, unpathetischer zwar. Am Schluß wird er bekehrt. Und auch der feige Nazi und Oberläufer ist das ( Wolfgang Preiß); ein Soldat, der die Nerven verliert; der klavierspielende junge Offizier, der in einer Schlachtpause zwischen den Trümmern von Stalingrad — authentisch verbürgt — für Freund und Feind eine Sonate spielt und später beide Hände verliert. Da ragen Feldwebel ( Horst Frank) und Kraftfahrer ( Peter Garsten) aus der Masse heraus, und da ist der in Filmen immer gegenwärtige Kriegspfarrer ( Alexander Kerst). Das trockene,verhaltene, kompromißlose Spiel der eingesetzten Schauspieler gewinnt den Betrachter für die Ehrenrettung, die Wisbar von Tapferkeit, Mut und Ausdauer deutscher Soldaten geben will. Trotz der polierten- Landsersprache, trotz unglaubwürdiger Situationen und Bildszenen, die nur gestellt werden, um die Texte abspulen zu lassen Selbst . Sonja Ziemann schafft es in sehr kurzen Auftritten, das Leiden aller Frauen im Krieg anzudeuten. Schwerer hatte es der Film mit dem Versuch, die Gestalt von Paulus ( Wilhelm Borcbert) und der anderen Generäle (v. Seydlitz: Carl Lange; Hoth: Carl Jabn) im Kessel von Stalingrad und im Führerhauptquartier lebendig werden zu lassen. Hitler erscheint wie ein dröhnende; Schatten. Daß der Generalstabschef Zeitzier ihm so gegenübergestanden haben könnte, erscheint unglaubhaft. Paulus ist nur ein Zauderer, abei diese Interpretation wird der Tragik dieser Figui nicht gerecht. Wisbar wollte selbst das Vorbild vor Schillers Wallenstein heraufbeschwören, aber dies: Tragödie der Piccolomini und Isolani von 1942 bleibt unbewältigt in der Andeutung stecken Ausbruch oder nicht, das war die Frage. Du geistigen Hintergründe dafür, warum er unterblieb, entziehen sieb, allerdings wohl weitgehend der Bildersprache. Doch werden aus diesem unbequemen Antikriegsfilm jene starken bedrängenden Szenen in den Kellern unter den Trümmern von Stalingrad für immer haften bleiben, wo die dem Hungertod preisgegebenen Verwundeten stöhnen, während aus dem Lautsprecher die arn 30. Januar 1943 in Berlin gehaltene Rede Görings dröhnt:" Ein Führer hats getan Er allein hat mit seiner Kraft die Ostfront gehalten!" An der Kamera: Helmut Ashley. Unvergessen wird auch bleiben, wie die Soldaten nach der Kapitulation aus ihren Löchern kommen,müde, leer und ausgebrannt wie die Ruinen um sie herum. Der Film stützt die Legende, daß Stalingrad ein sinnloses Opfer war, während Historiker aus heutiger Sicht sachlich die Ansicht vertraten, daß dieses Opfer, das durch eine falsche Aufmarschplanung nötig wurde, nicht "sinnlos"war, sondern eine Tragödie: Die 6. Armee deckte mit ihrem Durchhalten den Rückzug der Deutschen vom Kaukasus.

"Wenn Sie die Kugeln rollen hören", sagt der freundliche Hinrichtungsmann zu der hübschen Todeskandidatin, als er sie in die Gaskammer geleitet, "atmen Sie tief und zählen Sie bis zehn. Es machts leichter "Woher wissen Sie?" fragt ihn die Verurteilte scharf. Der amerikanische Film "Laßt mich leben!" ( tvant to live; Figaro United Artists) gehört beinahe in jene Reihe bedeutender amerikanischer Filme, die mit Freimut und großer Bravour zeitkritisch sind wie "Reporter des Satans" und "Die Faust im Nacken". Er beginnt furios mit aufreizend schräger Musik und leichten Mädchen. Eine unter ihnen ist Barbara Graham, die Tiger Babs, die Spaß an ihrem Leben hat und, einmal in dieser Laufbahn, von Stufe zu Stufe sinkt. Schließlich wird sie des Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt. Es ist das verfilmte Leben und Sterben einer gefeierten Kriminellen aus Kalifornien. Im Film ist sie unschuldig, denn der Film nimmt die Gelegenheit zu einer massiven Attacke auf die Todesstrafe wahr, und man kann den Staat wirkungsvoller angreifen, wenn man argumentiert, daß er Unschuldige nie wieder zum Leben erwecken kann. Albert Camus hat diesem Film die Worte vorangestellt: "Die erbarmungslose Geschichte, die dieser Film erzählt, ist eine wahre Geschichte. Die ganze Welt sollte sie sehen und hören. Welchen Sinn hätten Filme, wenn sie uns nicht dazu bringen, den Realitäten unserer Zeit ins Auge zu sehen? Hier ist die Realität unserer Zeit, und wir haben kein Recht, uns ihr zu verschließen. Der Tag wird kommen, an dem uns solche Dokumente wie Zeugnisse prähistorischer Zeiten anmuten werden, und wir werden sie ebenso unglaublich finden wie die Tatsache, daß man in früheren Jahrhunderten Hexen verbrannt und Dieben die rechte Hand abgehackt hat. Eine solche Epoche wahrer Zivilisation liegt sowohl für Amerika als auch für Frankreich noch immer in der Zukunft, aber dieser Film kann die Ehre beanspruchen, zu ihrer Verwirklichung zum mindesten beigetragen zu haben " Sowohl in USA wie in Frankreich und England ist die Todesstrafe noch nicht abgeschafft. Seine beklemmende Wirkung, die eine Zumutung für die Zuschauer ist, bekommt "Laßt mich leben", daher, daß wir ausführlich mit der exakten Maschinerie der Exekution bekannt gemacht und Zeugen der Hinrichtung werden. Britische Zensoren haben gefordert, daß die Vollstreckung eines Todesurteils in der Gaskammer am Schluß herausgeschnitten wird, bevor der Film in England gezeigt werden kann.

Die amerikanischen Filmleute (Regie Robert Wise) verwandten unendliche Mühe und Ausdauer darauf, die präzise arbeitende Apparatur zu zeigen, die den Henkersknecht heute ersetzt und die auch den elektrischen Stuhl schon wieder zum alten Eisen warf. Wer denkt sich diese perfekten Tötungsinstrumente aus und wer stellt sie her? Das Argument, Staaten könnten es sich nicht leisten, Mörder lebenslänglich zu unterhalten, bricht angesichts dieser teuren präzisen Apparaturen in sich selbst zusammen, Man muß sich zwingen, hinzusehen, wie hier diese Apparatschiks, diese braven, ordentlichen, freundlichen Tatmenschen, diese technisierten Scharfrichter ruhig und gelassen die Vorbereitungen treffen. Die leidenschaftslose Kamera verfolgt, wie sie die weißen Gifteier bündeln und unter dem Todesstuhl befestigen, wie sie Gummihandschuhe anziehen und die tödliche Flüssigkeit in die Behälter gießen. Wie sie prüfen, ob die mit Glasfenstern versehene Gaskammer dicht schließt, und wie sie den Teppich vor der Todeszelle ausrollen — so geht es fast 40 Minuten bis zum bitteren Ende. Sogar Zuschauer gibt es bei diesen Exekutionen, dafür sind die Fenster da. Den Kinobesucher in der Bundesrepublik (Streits Haus, Hamburg), erfaßt das Grausen, nicht nur, weil der Anblick von Gaskammern in ihm alte Wunden aufreißt. Es ist manchmal beschämend, Mensch zu sein, und dies ist ein solcher Augenblick vor den ausgeklügelten Tötungsmaschinen, die für Menschen bestimmt sind.

Der Film macht es einem nicht leichter dadurch, daß die Todeskandidatin von einer attraktiven und sprühenden Frau dargestellt wird (Susan lich einen Oscar). Da er kein Interesse und keine Sympathie für die gleichzeitig hingerichteten männlichen Kumpane zeigt, läßt er den Verdacht aufkommen, daß er ebensosehr wie an dem Plädoyer für die Abschaffung der Todesstrafe daran interessiert ist, den morbiden Markt der Thriller mit einem sicheren Kassenmagneten zu beliefern. Er macht sich damit ebenso schuldig wie die von ihm scharf attackierten Reporter, die Glanz und Ende einer Halbweltdame mit lüsternen Bleistiften verfolgen und Schlagzeile auf Schlagzeile liefern. Auch sie bedienen Apparate. Der Zuschauer bleibt, hart konfrontiert mit menschlicher Unzulänglichkeit, betroffen allein. Erika Müller