Zu den Abenteuern des Theaters gehört die immer wieder bange Frage: Werden die Zuschauer von einem neuen Stück denselben Eindruck empfangen, den vorher die Leser hatten? Weil es darauf keine sichere Antwort im voraus gibt, übt der Bühnendramaturg einen der verwegensten Berufe aus. Wie weit ein literarisches Urteil und die Theaterwirkung auseinanderklaffen können, dafür liefern die Komödien von Wolfgang Hildesheimer jüngste Beispiele.

Als Robert Neumann den Erstling Hildesheimers, eine Turandot-Variante, gelesen hatte, schrieb er: „Der Drachenthron ist eines der wenigen erstklassigen Lustspiele, die Deutschland seit langem hervorgebracht hat. Wenn Hildesheimers Komödie (was ich für wahrscheinlich halte) zu einem Bestandteil der deutschen Bühnenliteratur der nächsten Jahre oder Jahrzehnte wird...“ – dieses prominente Urteil wurde weder durch die Uraufführung des „Drachenthrons“ 1955 im Düsseldorfer Schauspielhaus noch durch spätere Einstudierungen, zum Beispiel in Wien, bestätigt.

Die dramaturgische Technik französischer Avantgardisten stand dann wohl Pate bei Hildesheimers „Spielen, in denen es dunkel wird“. Sie erschienen im vergangenen Jahr zunächst als Leseband. Und ein Kritiker vom Range eines Walter Jens wurde davon so tief beeindruckt, daß er diesen Band in der ZEIT zu seinem „Buch des Monats“ machte.

Jetzt ist eines dieser drei Spiele – der Einakter „Die Uhren“ – vom Schloßtheater in Celle uraufgeführt worden. (Dazu ein zweites, im Buchhandel noch nicht erschienenes: „Der schiefe Turm von Pisa“.) Und ich, als Theater-Kritiker, war davon sehr viel weniger begeistert als der literarische Rezensent.

Im Spiel „Die Uhren“ sprachen anfangs ein Mann und eine Frau, offensichtlich ein älteres Ehepaar, über den Regen. Lebenserinnerungen mischten sich in den durch eheliche Bitterkeit gewürzten Dialog. Er erinnerte mich an Ionescos „Stühle“. Vom Fenster aus sieht die Frau, daß jemand kommt. Der Mann: „Zu uns?... Vielleicht ist es der Briefträger?“ – Frau: „Wer schreibt uns?“ – Das erinnerte mich an Ionescos „Amédée“.

Es war dann nicht der Briefträger, sondern ein Glaser. Während im ehelichen Dialog mir noch immer Ionescos „Stühle“ zu spuken scheinen, ersetzt der Handwerker eine Fensterscheibe nach der Lichtren durch schwarzes Glas, bis mit dem letzten Lichtschein für die beiden Bewohner der Kontakt zur Außenwelt völlig ausgelöscht ist. Darin entdecke ich schon wieder ein Ionesco-Motiv: „Der einsame Mieter“. Dort waren es Möbel, durch die für den Zimmerbewohner jede Verbindung mit der Außenwelt verstellt wurde. Jeder der erwähnten drei Ionesco-Einakter allein erscheint mir freilich stärker als drei Ionescos in diesem Einakter von Hildesheimer.

Im letzten Drittel endlich löst sich der deutsche Autor von seinem französischen Vorbild. Ein Handelsvertreter tritt auf, der Uhren anbietet. Wie er dabei schwadroniert und scharmuziert, das läßt einen neuen Tonfall hören.