Von Gottfried Sello

Zu den Lieblingsplänen von Alfred Lichtwark, dem einstigen Herrn der Hamburger Kunsthalle und unumschränkten Herrscher über das künstlerische Leben der Hansestadt, gehörte es, eine eigene Hamburger Malerschule aus dem heimischen Boden zu stampfen. Hamburg sollte in jenem entscheidungsreichen und künstlerisch so höchst lebendigen ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zum mindesten gleichberechtigt neben München und Berlin treten.

Aber Kunst geschieht und gedeiht unabhängig vom Willen der Planer, der Dirigenten und Manager. Das Ereignis einer neuen deutschen Malerei ist dann, wie man weiß, an keinem der scheinbar dafür prädestinierten Kunstzentren eingetreten – sondern in Dresden; und die jungen Leute, die sich dort zur „Brücke“ zusammenfanden, merkten erst viel später, daß sie damit einen historischen Akt vollbracht hatten.

Natürlich gab es zu Zeiten Lichtwarks auch in Hamburg junge, hoffnungsvolle Talente. Aber diese jungen Maler, Schüler des tüchtigen, soliden Freilichtmalers Arthur Siebelist, durchkreuzten die Pläne ihres Mentors, und statt eine „autarke“ Hamburger Malerei zu begründen, gingen sie nach Paris...

Nun hat, fünfzig Jahre danach, der Hamburger Kunstverein die Bilder jener „drei Maler zwischen Hamburg und Paris: Friedrich Ahlers-Hestermann, Fritz Friedrichs, Franz Nölken“ zu einer großen, eindrucksvollen Retrospektive vereinigt, einer Retrospektive, die nicht nur die individuelle Leistung dieser drei wahlverwandten, befreundeten, aus dem gleichen bürgerlich hanseatischen Milieu stammenden Künstler sichtbar macht, sondern sehr allgemeine Fragen auf wirft: Fragen der künstlerischen Verjährung, der Aktualität, des anonymen Fortwirkens.

Die Namen von Franz Nölken und Fritz Friedrichs sind heute, wenn man von Hamburg absieht, fast vergessen. Man wird dafür nicht nur ihren frühen Tod verantwortlich machen können, der ihr Werk Fragment bleiben ließ – Nölken ist 1918 gefallen, Friedrichs 1928 nach Jahren der Krankheit gestorben. Der Untertitel der Hamburger Ausstellung „Neben dem Expressionismus“ deutet auf die eigentliche Problematik. Die Jahre vor und nach dem ersten Weltkrieg standen im Zeichen des Expressionismus. Jede „herrschende Richtung“ ist unduldsam. Wer sich gegen oder neben sie stellt wie diese drei Maler, die nicht expressionistisch malten, weil sie ihre Herkunft, ihre Begabung, ihre künstlerische Überzeugung nicht aufgeben konnten, der riskiert es, später einmal in die melancholische und beunruhigende Kategorie der „zu Unrecht Vergessenen“ eingereiht zu werden.

Auch in Paris, wohin sie 1907 kamen und wo sie alsbald mit Purrmann, Levy, Weisgerber, Pasein den Künstlerstamm des Café du Dome bildeten, haben sich die jungen Hamburger ihre künstlerische Selbständigkeit bewahrt. Sie haben genau das und nur das angenommen, was sie brauchen und organisch in ihre Welt einbeziehen konnten: helle, heitere, festliche Farben und den Sinn für großzügige Anordnung der Bildelemente.