Der telephonierende Mensch kommt nicht auf seine Kosten. Er redet mit einem Partner, von dessen Gesicht er nichts ablesen kann: weder sein Lächeln, noch sein Staunen, sein Zwinkern, seine Zustimmung oder seine Zweifel.

Und weil niemand bloß auf eine Stimme angewiesen sein will, wenn er etwas Wesentliches erfahren möchte, sucht der Mensch am Telephon nach Ausflüchten. Anstatt den Hörer anzustarren – der ihn kalt läßt –, greift er nach einem Fetzen Papier und beginnt, während er links in die Muschel redet, sich rechts anderweitig zu beschäftigen. Obwohl er zuhört und sogar richtig antwortet, führt seine rechte Hand ein Eigenleben, zeichnet und schreibt, entwirft Kurven und Ornamente und vollbringt geheimnisvolle Vexierbilder, die ohne das Telephonat niemals zustande kämen.

So hintergründig ist menschliches Wesen, daß es klar und vernünftig reagiert, während es gleichzeitig fragwürdige Dinge treibt, die selbst ein erfahrener Psychologe nur zum Teil versteht. Freilich hütet sich auch jeder, der etwas auf sich hält, seine geheimen Zeichnungen preiszugeben oder gar, der Forschung zu überlassen. Sobald er aus der halbseitigen Trance, in die ihn das Telephongespräch versetzt, erwacht, wirft er einen erstaunten Blick auf sein Nebenprodukt, um es dann sogleich zu vernichten.

Ich gestehe, daß ich ebenfalls zu solchen Exzessen neige, daß mich der kleinste Bleistiftstumpf dazu verführen kann. Das geschieht niemals bei Kurzgesprächen, weil nur ein ausgiebiges Gerede wirklich inspiriert. Nachtwandlerisch sicher spürt dann die rechte Hand den Bleistift auf und läßt ihn nicht wieder aus den Fingern, bis der Hörer in die Gabel zurückfällt.

Auf dem Zettel bleiben zurück: bald eine gerupfte Feder mit einem Pfauenauge, bald ein Würfel, ein Baum oder ein vorsintflutliches Tier, das keinem Zoologen bekannt ist. Vielleicht wandert unser unkontrolliertes Bewußtsein in solchen Augenblicken in Urzeiten zurück und beschwört aus der versunkenen Lebewelt Phantasiegebilde mit Flügeln, Hörnern, Klauen und Drachenschwänzen.

Großartiges vollbrachte meine abschweifende Rechte, um bei aufregenden Gesprächen der Versuchung zorniger Verbalinjurien nicht zu erliegen. Schöne Muster ornamentaler Ordnung entstanden, wenn ich die Langeweile einer krausen Unterhaltung verbannen wollte.

Vielleicht wird ein tüchtiger Telephonkritzler einmal seine Scheu überwinden und die unkontrollierten Gebilde seiner Rechten, die nicht weiß, was die Linke tut, der Wissenschaft ausliefern. Die Diagnose könnte die Welt verändern. K. Krüger