Noch in dieser Sitzungsperiode wird sich der Deutsche Bundestag mit der Neuordnung der gesetzlichen Krankenversicherung befassen. In der ersten Folge unserer Reportage schilderten wir die geschichtliche Entwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung. Was damals für eine kleine Schicht der Armen galt, ist heute Fürsorge für vier Fünftel einer zum großen Teil gutgestellten Bevölkerung geworden. In der zweiten Folge berichteten wir über das sogenannte Lohnfortzahlungsgesetz und seine Auswirkungen, ein „Gesetz für Heilige, nicht für Menschen“. Im Folgenden stellen wir dar, wie sich das Bundesarbeitsministerium die Lösung dieses Problems vorstellt.

Am 3. April gegen 11 Uhr standen an der Hauswand des AOK-Verwaltungsgebäudes in der Düsseldorfer Kasernenstraße genau 55 Fahrräder. Am Bordstein neben den Parkuhren waren – ungeachtet eines Halteverbotes für zweirädrige Fahrzeuge – 20 Mopeds, 8 Motorräder und fünf Roller abgestellt. Die nächstgelegenen Fahrzeugbewacher hatten Hochbetrieb.

An der Rundlauftür der AOK-Vorhalle stauten sich die Menschen draußen wie drinnen. Am Imbißstand nebenan gab es heiße Wurst mit Brötchen. Ein Zeitungsverkäufer pries in Schlagzeilen das Allerneueste. Er hatte einen guten Absatz.

Drinnen in der großen Schalterhalle standen an 59 Schaltern in langen Schlangen die Leute, teils mit Geduld, teils ohne. Fast genauso viele hatten ihren Platz anscheinend noch nicht gefunden. Die lasen die Aufschriften oberhalb der Schalter: Zahnersatz – Beschäftigte Rentner – Wochenhilfe – Arbeitslose.

Düsseldorf holte Krankenscheine. Das neue Quartal hatte begonnen. Trotz zügiger Abfertigung drängten sich mehrere hundert Menschen in dem großen Raum – mißgelaunt, schimpfend, murrend.

Am 10. April 1959 gegen 10 Uhr war der Zudrang an der AOK Köln keineswegs geringer. Die Radwache Machabäerstraße hatte Hochkonjunktur. Die Straßenränder standen – ungeachtet des Parkverbots – voller parkender Wagen. Auf den wenigen verbliebenen Trümmergrundstücken rangierten die Pkw mühsam hinein und heraus. Mopeds und Motorräder lehnten an Hauswänden. Dieser ganze Betrieb galt der AOK, dem einzigen Verwaltungsgebäude weit und breit.

Zeitungsverkäufer, Wurstfrauen, fliegende Händler („Vierzig Rasierklingen für eine Mark“) und Zigarettenmänner belebten das Bild. Auch das Leihhaus schräg gegenüber – früher ein kleines Ladenlokal, heute mehrgeschossig – schien mit von der Partie zu sein. Dem Betrachter fiel auf, daß immer einige Leute – nicht viele, aber mit schöner Regelmäßigkeit – von der AOK zum Leihhaus hinübergingen.