Von Robert Ne umarm

Werte sind zu Zeiten dauernder Wert-Inflationen nicht dadurch zu erhalten, daß man sie irgendwo für Notfalle deponiert. Das gilt auch für geistige Werte wie das viel zuviel zitierte „christliche Abendland“. Sie müssen genutzt, geprüft, durchdacht, immer neu erlebt und darum auch – was in jedem Falle belebend wirkt – umstritten werden. Als ein Beitrag gegen die Außerkurssetzung deponierter Werte will der Abdruck dieser „Betrachtungen eines Juden“ – der übrigens nicht daran denkt, im Namen aller Juden sprechen zu wollen – verstanden sein. Wir hoffen dabei auf kompetente Erwiderungen.

Für einen Juden gleich mir ist das Herzstück des christlichen Glaubens ein theologisches Detail von geringer Wichtigkeit. Jesus ist für ihn ein jüdischer Prophet, der die Lehre Mosis zu neuem Leben erweckt hat. Diese Modernisierung des Judentums war, wie ich es sehe, eine sozialistische Revolution, getragen von den Erniedrigten und Beleidigten und gleicherweise gerichtet gegen ihre jüdischen und fremden Herren. Gewiß, unter den Aussprüchen des Propheten ist der von Gott und Cäsar; aber dieser Pakt des Leben und Lebenlassens zwischen jenseitige: und diesseitiger oberster Instanz auf Kosten des kleinen Mannes hat für mich alle Merkmale des Blaustiftes eines späteren Redakteurs. Trotzdem – es war ein Sozialismus ohne die Plattheiten der materialistischen Geschichtsauffassung.

Das führte – um weiter bei meiner privaten und außenseiterischen Religionsgeschichte zu bleiben – nach der Zerstörung Jerusalems zu zwei parallelen Emigrationen: einer alt-jüdischen – und einer neu-jüdischen, die sich christlich nannte. Die alt-jüdische schöpfte ihre Kraft zu überleben aus der Strenge und Enge der Orthodoxie. Die neu-jüdische schöpfte ihre Kraft aus dem sozialistisch-internationalen Faktor, aus der Idee einer Religion der Letzten, die die Ersten sein werden. Es war diese Lehre, die Anhänger warb und Proselyten machte, über alle nationalen Grenzen hinaus. Das wieder führte in beiden Emigrationszweigen zu typischen Tragödien.

Die geistige Tragödie der neu-jüdischen Emigration war ihr Erfolg. Macht korrumpiert. Nur der Machtlose ist auf Seiten der Engel. Der einzig Mächtige, der auf Seiten der Engel steht, ist Gott selbst – Gott, nicht die Kirche. Ihr Versuch, in dieser Welt Macht zu haben, unmittelbar oder auf dem Umweg über andere Mächtige, und gleichzeitig aus jener Welt die eigene Unfehlbarkeit zu postulieren, führte zu einer Umkehrung der proletarischen Ausgangsposition, zu einem „Verrat“; wenn man denn dem großen Wort nicht aus dem Wege gehen will, zu eben jener Erstarrung, gegen die Jesus anstritt.

Andere Kirchen konnten ihre Heiligen desavouieren, wie zum Beispiel den heiligen Trotzki und sogar auch noch den heiligen Stalin; die Massaker der Inquisition hat niemand desavouieren können, weil der jeweils Verantwortliche direkt oder abgeleitet unfehlbar war.

Ich spreche, wie Sie sehen, immer nur vom katholischen Christentum. Das protestantische hat mich, vielleicht zu Unrecht, geistig nie interessiert; es ist in meinen Augen eine Vereinigung aufrechter und handfester Moralisten, bewundernswert wie ein von hohen Idealen beseelter Wohltätigkeitsverein – sagen wir einmal, das Rote Kreuz.