In Paris hat die Neuordnung der französischen Staatstheater einen öffentlichen Widerhall gefunden, der alle weltpolitischen Tagesprobleme übertönen konnte. Auch in Deutschland horcht man auf. Denn der Minister der Schönen Künste, der mit einer Organisationsfrage des Theaters die Gemüter erregen konnte, ist André Malraux. Als Romancier genießt er internationales Ansehen. Als Kunsttheoretiker hat er früher Gedanken geäußert, denen der Minister Malraux Taten folgen läßt. Berühmt ist seine Formel für die Gegenwartskultur: musée imaginaire.

Was ist geschehen? Die ehrwürdige Comédie Française wurde daran erinnert, daß sie eine Pflegestätte der hohen Tragödie zu sein und als Nationalinstitut die Klassiker, vor allem die französischen, zu spielen habe. Der Minister rechnete der bisherigen Leitung vor, daß sich unter 556 Vorstellungen nur sechs Racine-Abende befanden, daß griechische Tragödien überhaupt nicht auf dem Spielplan standen, wohl aber 113 mal ein Schmarren wie „Der Truthahn“ von Labiche gegeben wurde.

Die Comédie Française wird daher künftig einem Berufsdiplomaten, dem bisherigen Botschafter in Prag, Claude Breart de Boisanger, als Generaldirektor unterstellt. Ihm gibt der Minister Künstler als Berater bei. Der wichtigste ist, wohl als künstlerischer Leiter gedacht, ein in England und New York als Regisseur hervorgetretener, in Paris unbekannter Franzose: Michel Saint Denis.

Das zweite Schauspielhaus, das Odeon (Salle Luxembourg), wird vom ersten getrennt und mit dem die Comédie Française herausfordernden neuen Namen Théâtre de France einem – Schauspieler übertragen. Freilich heißt dieser: Jean-Louis Barrault. Als Intendant zieht er in ein Institut wieder ein, aus dem Barrault unter Protest ausgeschieden war. Mit seiner Frau Madeleine Renaud hatte er 1947 eine eigene Truppe gegründet und mit seinen Inszenierungen der Kunst und dem französischen Ansehen Ehre gemacht. Nun wird der Künstler, der sich bewährt hat, mit einem subventionierten Staatstheater belohnt.

Zwei weitere Ankündigungen waren gleichfalls von Malraux’ hoher Einschätzung der französischen gloire bestimmt. Ein Dichter und ein Schauspieler-Regisseur, die Frankreich ruhmvoll in der Welt vertreten haben, bekommen je ein Experimentiertheater: der Nobelpreisträger Albert Camus und der erfolgreiche Leiter des „Nationalen Volkstheaters“, das theaterfremde Besuchermassen mit der Tragödie bekannt gemacht hat, Jean Vilar.

Hebung der nationalen Geltung war die Triebfeder ferner bei der ministeriellen Kritik an den muffigen, auf dem Stilniveau von 1925 oder gar 1895 stehengebliebenen Leistungen der Großen Oper und der Komischen Oper. Entgegen langgehegten Plänen wurden die beiden Opernhäuser jedoch nicht getrennt, sondern einem Manne unterstellt, der sich als Theater-Manager von internationalem Rang erwiesen hat: A. M. Julien, ehemaliger Schauspieler und Schlagersänger, Schöpfer des „Theaters der Nationen“, jener nur in Paris denkbaren Bühnen-Olympiade, die alljährlich von Japan bis Afrika einige Monate lang Theatertruppen aller Zungen und Farben an die Seine holt.

Ein zweiter Organisator von künstlerischer Reputation avancierte gleich mit: der Gründer der Musikfestspiele in Aix-en-Provence, Gabriel Dussurget. Er wird des Opernchefs künstlerischer Berater sein.