II. Wie leben die Franzosen unter de Gaulle? – Ein Pariser Tagebuch

Von Josef Müller-Marein

Es seien zwei Fehler – so sagte ein französischer Freund – die von Ausländern in der Betrachtung des gegenwärtigen Frankreich sehr leicht gemacht würden. Erster Fehler: Man sehe alles durch die eigene Brille ...

Ja, aber! Wo krieg’ ich so schnell eine französische Brille her? Und welche unter den französischen Brillen ist richtig?

Eines ist sicherlich wahr: An jenem berühmtberüchtigten 13. Mai des Jahres 1958 und in den aufregenden Tagen danach, als in Paris jeder Schutzmann, der noch eine Uniformhose und eine Maschinenpistole tragen konnte, auf die Straßen geschickt wurde, als die Hausfrauen eilenden Schrittes im Morgenrock zum Krämer liefen, um die Rationen für die ganze Woche zu kaufen, als überall an prominenten Punkten der Stadt, zum Beispiel gegenüber den Eingängen zu den Ministerien, die Muscheln aus Beton besetzt wurden – eine mannshohe, runde Schale, hinter der sich ein Polizist verbarg, dessen Augen gerade über den Rand der Schutzwand sehen konnte –, in jenen Tagen, da die Unruhe in dem Schrei: "de Gaulle ... de Gaulle!" sich Luft machte, da hat’s in Deutschland, beispielsweise in der Hauptstadt Bonn, manchen gegeben, der treuherzig, wenn nicht gar schadenfroh, meinte, hier hätten die Franzosen mit ihrem 13. Mai einen Nachgeschmack unseres 30. Januar 1933 bekommen.

Ein Kalenderblatt weht dahin, und aus der Republik ist eine Diktatur geworden. Keiner ist schuldig, aber ein paar Jahre später steht man da und ist es doch gewesen ...

Viele in Deutschland schienen zu vergessen, daß de Gaulle, der Held der V. Republik, ja auch der Gründer der soeben dahingegangenen IV. Republik, gewesen war. Sie fürchteten, de Gaulle – mit der Macht eines Diktators ausgestattet – werde den Weg jedes Diktators gehen, ob er dies wünsche oder nicht. Und viele glauben dies noch heute...