Von Ludwig Marcuse

Der Prozeß, der hier geführt wird, ist deshalb so heikel, weil ein gut Teil nicht nur der deutschen Philosophie, sondern aller Geisteswissenschaften in ihn verstrickt ist; und weil ein Mann, der hier kritisch plädieren will, sich besonders hüten muß vor vielen, die auf seiner Seite stehen. Der beste Kritiker Heideggers wird immer einen Zweifrontenkrieg zu führen haben, bei dem von Zeit zu Zeit einer der beiden Gegner als Verbündeter gegen den anderen erscheint, Das klingt sehr kompliziert – und ist überraschend einfach gelöst worden in der eben erschienenen knappen, deutlichen, lesenswerten Schrift von

Paul Hühnerfeld: „In Sachen Heidegger“; Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg; 118 S., 9,80 DM.

Der Versuch beginnt mit einem Satz, den Heidegger in einer Aristoteles-Vorlesung gemeißelt hat: „Er wurde geboren, arbeitete und starb.“ Da auch Heidegger weiß, daß dieses markige Pronunciamento „falsch“ ist, zog Hühnerfeld die autobiographische Wahrheit hervor: Heidegger rechtfertigt so, daß er sein Leben versteckt.

Originellerweise hat es gerade mit diesem Leben der jüngste Heidegger-Betrachter zu tun. Er wuchert mit den mageren, aber reizvollen biographischen Funden bewundernswert. Er zitiert Briefstellen aus den Jahren 1920, 1921, die begreiflich machen, daß Heidegger damals ein großes deutsches Ereignis wurde: damals, als er dem akademisch-bürokratisierten Neu-Kantianismus eine philosophische Haltung entgegensetzte, die von Kierkegaard und Nietzsche bestimmt war, und so dieses mächtigste Denken der letzten hundert Jahre dem denkenden Deutschland zuführte. Hühnerfeld unterstreicht, wie sehr der Autor von „Sein und Zeit“ der romantischen Tradition verhaftet war und besonders dem Expressionismus; was meist übersehen worden ist, weil er zu eng als radikal-liberale, radikal-sozialistische Bewegung mißverstanden wurde.

Dichter noch kommt Hühnerfeld an diesen ganz bestimmten Romantiker und Expressionisten heran, wo er – im Anschluß an einen fast unbekannten Beitrag des Philosophen – seinen „barbarischen Provinzialismus“ beleuchtet; eine der überzeugendsten Entdeckungen dieses Buches. Noch wichtiger ist nur die Verteidigung des Heidegger-Stils gegen die billigen Verspottungen der Kabarettisten und der Leute, die auf ernsthaftere Weise ebenso unphilosophisch sind. Was er über Heideggers Stil zu sagen hat, schließt der Autor an eine sehr kennenswerte, längere Ortega-y-Gasset-Stelle an, wo der Spanier Das-Nichten-des-Nichts und ähnliches als die erlauchteste philosophische Sprache feiert.

Aber schon hier scheint mir der Richter „In Sachen Heidegger“ ein wenig zu nachgiebig zu sein. Er fragt leider nicht, ob ein Ausländer das Ohr haben kann, um gerade über einen deutschen Stil zu urteilen. Er analysiert auch nicht diese unentwegte, von Ortega fast verliebt besungene Etymologisiererei, die von Jahr zu Jahr schlimmer geworden ist. Der aufmerksame Leser wird spüren, daß auch Hühnerfeld Bedenken hat; doch geht er nicht soweit, einmal einen Absatz aus den Hölderlin-Essays oder aus der Schrift „Was ist das – die Philosophie?“ unters Mikroskop zu legen. Und ist es nicht recht fragwürdig, einen Mann, der das Genie Kierkegaard (wenn auch mit bewundernswerter Denkkraft) ins Akademische übersetzt hat – ein „Genie“ zu nennen? Der Schüler wird allerdings den Meister schnell los, indem er von ihm sagt: nur ein „religiöser Schriftsteller“.

Gibt Hühnerfeld seinem „Helden“ bisweilen zuviel (trotz der recht distanzierten Haltung), so an einer anderen Stelle, scheint mir, zu wenig: wenn er Heideggers Mangel an Positivem kritisiert – angesichts der Mystik und Kierkegaards, mit deren Begriffen er denkt und deren Sprache er spricht. Hier möchte ich Heidegger uneingeschränkt verteidigen. Es ist durchaus nicht ausgemacht, daß Meister Eckhart weniger nihilistisch war, obwohl die theologische Sprache des 14. Jahrhunderts uns das verdeckt; nie hat die Kirche einen extremeren Ketzer angeklagt. Und es ist ganz gewiß, daß Kierkegaard nicht „gläubiger“ war; auch er gab nur eine „Daseinsanalytik“, keinen Himmel. Vielleicht teilt Heidegger gerade das mit seinen beiden größten Vorfahren: daß er den Zeitgenossen keine Transzendenz einzureden sucht; und spricht „stockend“ wie sie, weil man (wie Hühnerfeld mit schönem Mut betont) an der Grenze des Denkens nicht fließend daherreden kann.

Es gibt ein einziges Kapitel in diesem Buch, das mich vom Autor trennt. Gar nichts, gar nichts, gar nichts hat das große Buch „Sein und Zeit“ mit Heideggers Faschismus zu tun und mit der würdelosen Weglassung der Widmung an den jüdischen Lehrer Husserl in den Auflagen seit 1933. Leider hat Thomas Mann in seinem größten Werk, dem „Doktor Faustus“, ein Paradigma geschaffen für die spirituelle Nobilisierung des Dritten Reiches, indem er den Untergang des Nietzsche-ähnlichen Helden mit dem Untergang des Hitler-Staats parallelisierte. Leider hat Bertrand Russell dasselbe getan, als er den Chef der englischen Faschisten dem Philosophen-König der „Repubik“ gleichsetzte. Und leider tun abermals dasselbe die Heidegger- und Benn-Interpreten, die den Irren-Rationalismus von „Mein Kampf“ deduzieren vom „Irrationalismus“. Aber zwischen Irrationalismus und Irren-Rationalismus ist ein Unterschied. „Sein und Zeit“ impliziert durchaus noch nicht, was dann im Jahre 1933 sein Autor manifestierte. Stefan George (zum Beispiel) hat das Führer-Ideal schon zu einer Zeit dargestellt, als der Mann, den es nicht antizipierte, von seiner „Mission“ noch nichts wußte. Obwohl auch George ein „Irrationalist“ war, ging er 1933 ins Exil und sagte nicht, wie der Freiburger Rektor: „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige Wirklichkeit und ihr Gesetz.“ Warum nicht Heideggers Rektorats-Rede und Benns „Expressionismus“-Aufsatz für das nehmen, was sie waren? Ich werde mich aber hüten, niederzuschreiben: was... weil man mir das nur erlauben würde, wenn ich es abschwächte.

Hühnerfeld schreibt kritisch und vornehm; zu vornehm, weil auch er noch gebannt ist. Entmythologisierer lösen sich oft von ihrem Mythos nur langsam; der jüngste ist noch im Prozeß der Ablösung. Er entkleidet, wenn auch sehr sanft. Er nimmt auch noch die Mäntelchen ab, die Heidegger-Theologen ihrem Gott umgelegt haben – aber reißt sie leider nicht herunter. Einer der Winkeladvokaten hatte tatsächlich die Stirn und die Unkenntnis, Heideggers Schande von 1933 zu vergleichen mit Platons politischen Enttäuschungen in Sizilien. Da gehört eben ein Luther her oder wenigstens ein Schopenhauer; da muß mit der Keule draufgeschlagen werden. Hühnerfeld deutet nur an, was herausgeschrien werden müßte.

„In Sachen Heidegger“ wird eine große Leserschaft haben, weil hier ein schweres Thema mit leichter, nicht leichtsinniger Hand angefaßt wird. Es ist, soweit ich sehe, die beste und um Gerechtigkeit bemühteste Einführung in das Leben und die Gedankenwelt des umstrittensten Denkers unserer Tage.