Wenn sich berühmte Modeschöpfer geschmeichelt als "sanfte Diktatoren" bezeichnen lassen, sind sie sich natürlich völlig bewußt, daß sie Gewaltmenschen sind, die lediglich mit sanften Mitteln zu unterjochen verstehen. Wer sich der neuesten Mode, auch der geschmacklosesten Zeiterscheinung, verschließt, gilt eben als rückständig und kaum salonfähig. Mit diesem Satan unserer Gesellschaftsordnung spekulieren alle Diktatoren auf allen Gebieten, am raffiniertesten dann, wenn sie sich nach außen hin so sanft gebärden.

Schon in der Schule lernt das Kind diese Zeitgeister kennen, wenn Lehrer die sanfte Gewalt demonstrieren, die sich darin ausdrückt, daß etwas "völlig freiwillig" ist – jedoch von den anständigen Kindern erwartet wird. Oft wird solcher unwiderstehlicher Befehl bei Spenden gegeben. Dabei ist sich kaum jemand bewußt, daß die grundrechtlich garantierte Freiheit des Gewissens auch nicht auf zarten Umwegen angetastet werden darf. So bemächtigen sich sanfte Diktatoren schon der Kinder, damit diese gefügige Untertanen werden können.

Auf den jungen Menschen in der Schule wie in der Berufsausbildung stürzen sich Zahlreiche Opferjäger im schillernden Gewand des Wohltäters. Da wetteifern um die Unterwürfigkeit Jugendlicher die Schnulzenschöpfer, die Filmgaukler, die Sex-Anpreiser, die Reklametiger und andere Propagandagewaltige. Sie alle kitzeln erfolgreich die lebenshungrigen Gefühle der Jugend mit billiger Lockspeise. Das sind die sanftesten Despoten mit der schonungslosesten Gewaltanwendung.

Auf der anderen Seite stehen die Vorgesetzten aller Schattierungen. Sie geben sich demütig als erste unter gleichen und registrieren für eine Beförderung sorgfältig, wer am nachgiebigsten und kleinlautesten ist.

Neben diesen Richtern über Fortkommen oder Zurückbleiben walten die verschiedenartigen Funktionäre berufsschützender Organisationen. Wie ungekrönte Könige lustwandeln die Obersten aller Berufskammern, denen Standes- und Ehrengerichtsbarkeit zur Verfügung stehen, mit deren Einsatz letztlich zu erreichen ist, was ordentlichen Gerichten versagt blieb. Ein gerichtlicher Freispruch hindert jedenfalls nicht die standesgerichtliche Bestrafung, die sogar zur wirtschaftlichen Todesstrafe des Berufsverbots führen kann. Diese sanften Diktatoren werden von vielen mehr gefürchtet als die verbissensten Staatsanwälte.

Die unsterbliche Vetternwirtschaft in allen Wirtschaftsbetrieben wie öffentlichen Einrichtungen gesellt sich als absoluter Diktator zu den übrigen Despoten. Da erlebt der bis zum Abteilungsleiter herangealterte Mann der Wirtschaft, daß ihm ein Außenseiter als Prokurist oder Direktor vor die Nase gesetzt wird, von dessen hervorragenden Leistungen im Betrieb bisher niemand etwas gemerkt hat. Dort begrüßt ein bewährter Richter als neuen Präsidenten einen Verwaltungsbeamten, dessen Amtsirrtümer gerichtlich bereits korrigiert werden mußten. Und hier und dort und überall fallen auf die begehrten Posten gleichsam wie aus einem Hubschrauber "Fremdlinge", die mit sanfter Gewalt erzwingen, was durch mangelnde Sachkenntnis und Facherfahrung nicht zu schaffen ist.

Aber auch in menschenloser Gestalt geistern solche Gewalten herum. Das sind die unzähligen Verwaltungsanordnungen, die von der obersten Bürokratie erlassen werden und jeden Amtsinhaber zwingen, Gehorsam zu leisten. Oft genug werden diese für Gerichte unbeachtlichen Bestimmungen als gesetz- und rechtswidrig bezeichnet und – aber zu spät – aufgehoben. Am gefährlichsten wirken sie, wenn sie als geheime Dienstanweisungen erscheinen und deshalb der öffentlichen Kontrolle beinahe entzogen sind. Mit diesen "geheimen Kommandosachen" – wie die militärische Bezeichnung dafür lautete – wird eine Despotie der Exekutive ermöglicht, die schon nicht einmal mehr als sanfte, sondern als getarnte Diktatur wirkt. Manfred Mielke