Von Walter Abendroth

Es geht auf den Sommer zu und damit auf die internationale Festspielzeit. Da ist denn, noch termingerecht, eine Schallplattenaufnahme des "Jedermann"-Spiels in der Originalbesetzung und -inszenierung vom Salzburger Domplatz erschienen. Die vorzügliche Aufnahme stellt eine Bereicherung des in Deutschland erst im Aufbau begriffenen Sprechplattenrepertoires dar: eine große Leistung der "DeutschenGrammophon-Gesellschaft", deren "Literarisches Archiv" Ernst Ginsberg künstlerisch berät. Er selber figuriert dabei – wie jeder Salzburg-Pilger weiß – als Teufel: als der geprellte Böse, dessen ohnmächtige Wut in den Ausklang des Mysteriums noch eine leise komische Note hineinbringt. Denn wo der ewige Betrüger selbst betrogen ist, kann derMensch befreit aufatmen, hat er "etwas zu lachen". Sogar ein wenig Sympathie gewinnt der entmachtete Satan: er verwandelt sich aus einer furchterregenden unversehens in eine tragikomische Gestalt.

Zum Tragikomischen fühlt sich Ernst Ginsberg mehr und mehr hingezogen. Auch seine neueste Rolle ist eine Variante jener doppelbödigen Tragikomik, bei der es, wie der Darsteller selbst formuliert hat, "geschehen mag, daß der Schauspieler weint und das Publikum lacht".

Der gleiche Ernst Ginsberg spielt die Rolle des Tartaglia in Otto Zoffs Nach- und Neudichtung von Carlo Gozzis "König Hirsch", die Axel von Ambesser im Münchener Residenztheater, mit allem Zauber des gleichnishaften romantischen Märchenspiels (denn das ist unter Zoffs Händen aus der alten, verspielten Commedia geworden) inszenierte.

Ein Konglomerat aus Machtgier, Bosheit, Eitelkeit, Tücke und Lasterhaftigkeit ist dieser Minister Tartaglia, der mit Hilfe eines Zauberspruchs in die Gestalt seines gütigen Königs Deramo (sehr nobel und gewinnend: Jürgen Goslar) schlüpft, nachdem dieser leichtfertig genug gewesen war, sich nach Märchenart in einen Hirsch zu verwandeln.

Hier spielt der Tragikomiker Ginsberg seine Trümpfe aus: Trümpfe einer Mimik, die von der Intensität des Erlebens und von überlegener Kunst zugleich geprägt wurde. Es ist von einer unheimlichen Wahrheit in jeder Nuance: wie der falsche König seinen Machtrausch brutal auslebt, wie er dabei keine Ruhe findet, solange der umstellte, gehetzte Hirsch noch lebt, wie er vor der Entdeckung seines Betruges erschrickt, wenn er unversehens in jenes aufgeregte Stottern verfällt, das den anderen von dem Minister Tartaglia her so gut bekannt ist. Gestik und Sprache vereinigen sich hier zu einer solchen "Echtheit", daß der Zuschauer sich keinen Moment einem Abstrakt-Bösen gegenüber fühlt, sondern immer auch von dem Quentchen Menschlichkeit berührt bleibt, von mitleiderregender Schwäche als Quelle der Bosheit. Und diese darstellerische Kunst bringt es zuwege, daß auch dem teuflischen Tartaglia nach seiner Entlarvung ein Abgang sicher ist, den mehr ein Lächeln der Erleichterung als eine Grimasse der Rachsucht begleitet: ein Abgang, dem die leise Nuance der Komik nicht fehlt – eben das versöhnende Merkmal des geprellten Teufels.

Ernst Ginsberg hat seinen Sinn für das Tragikomische aus einer langen Rollenerfahrung "herausdestilliert", die vom Tasso bis zum Mephisto alle großen Aufgaben des Schauspielers umfaßte. Seine besondere Vorliebe gehört seit langem jenen Geschöpfen Molières, die geradezu Musterbeispiele für den weinenden Schauspieler und das lachende Publikum sind.