Von Janko Musulin

Vor kurzem wurde im Straßburger Europarat ein Redner von einem italienischen Delegierten unterbrochen und dann vom Vorsitzenden ersucht, sich, doch an das vorgesehene Thema zu halten. Da die Straßburger Atmosphäre im allgemeinen nicht gerade sehr aufregend ist, verdichtete sich die Aufmerksamkeit sogleich. Alles blickte auf einen mittelgroßen Mann untersetzter Statur. Er hatte ein kluges, bäuerliches Gesicht mit rostbraunem Schnurrbart. Erregung war ihm kaum anzumerken, zumal der Blick von großen Brillengläsern abgeschirmt wird.

Wie viele Abgeordnete erinnerten sich wohl in diesem Augenblick daran, daß dieser Redner, dem man da verwehrte, über das Schicksal Südtirols zu sprechen, in den kritischen Jahren der Nachkriegszeit einen entscheidenden Abschnitt Mitteleuropas gehalten hat? Wer weiß noch, daß es seiner Unverzagtheit, seinem politischen Instinkt und der ihm eigenen Mischung von taktischer Wendigkeit und heroischer Grundhaltung mitzuverdanken ist, wenn sich der kommunistische Einfluß nicht bis an den Brennerpaß und an den Bodensee vorschieben konnte?

Hätte Leopold Figl, das Bauernkind aus Rust im Tullnerbecken, damals versagt, hätten ihn die furchtbaren Jahre in nationalsozialistischen Konzentrationslagern gebrochen oder seine Entschlossenheit geschwächt, die Lage in jenem Teil der Welt sähe heute anders aus ...

Wie bereitet sich ein Mensch für eine große politische Aufgabe vor? An welchen Vorbildern schult sich sein Verhalten, wer gibt ihm Maßstäbe und Inspiration? Neun Kinder, ein nicht allzugroßer Hof, der Vater früh verstorben: da wird es mehr um praktische Dinge gegangen sein als um die großen Fragen der Staatsführung. Ein natürlicher Patriotismus, nüchtern und ohne Überschwang, wie er dem niederösterreichischen Bauern stets eigen ist, mag den kleinen "Poldi" früh ausgezeichnet haben; dazu ein gewisser Familienstolz – die Figls sind seit 1573 in Rust urkundlich nachweisbar.

Gymnasium in St. Pölten, Hochschule für Bodenkultur in Wien – eine solide fachliche Ausbildung ganz abseits der Politik. Stille Jahre zäher, akkurater Arbeit folgen. 1934 wird er Direktor des niederösterreichischen Bauernbundes. Einige Politiker werden auf ihn aufmerksam: War das nicht auch für den Kanzler Dollfuß das Sprungbrett gewesen? Aber Dollfuß, den seine Gegner spöttisch "Millimetternich" nannten, war eine auffallendere Begabung, brillanter, wendiger, lebendiger – unruhiger. Figl bleibt im Hintergrund, bis zum Jahr 1938 ist er nur wenigen bekannt. Zu diesen wenigen zählte Heinrich Himmler, der Figl nach dem Einmarsch sofort ins KZ bringen läßt: Dachau – Flossenbürg – Mauthausen. Jahre der Verfolgung, aber auch Jahre des Reifens, der Festigung, des inneren Wachstums.

1945 steigt er sofort in die erste Garnitur auf. Seine Tatkraft, sein Mut und auch sein trockener Humor machen allgemeinen Eindruck: Staatssekretär für den Wiederaufbau der Städteverwaltung, Landeshauptmann von Niederösterreich, dann bis 1953 Bundeskanzler.