Am Montag wurde in Peking das 54jährige ZK-Mitglied Liu Schao-tschi als Nachfolger Mao Tse-tungs zum neuen Staatspräsidenten Chinas bestimmt. Die Ernennung Liu Schao-tschis ist offensichtlich ein Zeichen dafür, daß der Personenkult um Mao etwas abgebaut, Maos politische Linie jedoch auch in der Frage der Volkskommunen weitergeführt wird.

Die Bildung der Volkskommunen war im Sommer und Herbst 1958 mit einem außerordentlich starken Mao-Kult verbunden worden. In Parteischriften, in Liedern und Hymnen wurde Mio überall als Initiator dieser Bewegung verherrlicht. Von den 26 Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros traten außer ihm während der Bildung der Volkskommunen nur noch Liu Schaotschi und der Parteiideologe Tschen Po-ta hervor. Alle anderen Parteiführer hielten sich deutlich zurück.

Die Schwierigkeiten der Kommunisierung waren damals schon bald offenbar geworden. Innerhalb der Bevölkerung machten sich zunehmende Widerstände bemerkbar. Auch die Sowjetführung stand der Kommunisierung in China zum mindesten kühl gegenüber. So sahen sich die Befürworter der rücksichtslosen Kommunisierung Ende Dezember 1958 zum Rückzug gezwungen. In einer langen Resolution wurden Überspitzungen verurteilt, den Volkskommunemitgliedern gewisse Konzessionen gemacht und die Einführung der Kommunen in den Städten verschoben. Auf der gleichen Tagung gab die Führung den Verzicht Mao Tse-tungs auf eine neue Kandidatur für den Posten des Staatspräsidenten bekannt.

Obwohl Mao damals seine entscheidenden Parteifunktionen beibehielt – er ist nach wie vor Vorsitzender des Zentralkomitees der Partei – und ausdrücklich als "der aufrichtig geliebte und langerprobte Führer" bezeichnet wurde, war eine Degradierung unverkennbar. Der Kult um Mao, der Formen angenommen hatte, wie sie unter Stalin in der Sowjetunion üblich waren, wurde etwas eingeschränkt, und zum 65. Geburtstag Chruschtschows war der Glückwunsch der chinesischen Parteiführung erstmals nicht mehr von Mao allein unterzeichnet, sondern von drei Führern: Mao, Liu Schao-tschi und Tschu En-lai.

Die entscheidende politische Frage war seit Dezember 1958, wer an Stelle Maos zum Staatspräsidenten ernannt werden würde. Politbüromitglieder wie Tschu En-lai oder Marschall Tschu-Teh, die sich während der Volkskommunenkampagne zurückgehalten hatten? Tschen Jun, einer der vier Stellvertreter Maos, oder der formelle Generalsekretär der Partei, Teng Hsiao-ping, die völlig beiseite gestanden hatten? Das hätte als Anzeichen für eine Revision der scharfen Innenpolitik gewertet werden können. Aber von ihnen ist keiner eingesetzt worden.

An die Stelle Maos tritt nun Liu Schao-tschi, der als Verfechter des harten Kurses bekannt ist und sich in letzter Zeit ebenfalls aktiv an der Kommunisierung beteiligt hatte. Seine Ernennung deutet darauf hin, daß zwar der Führerkult um Mao etwas eingeschränkt, der scharfe Kurs Maos aber beibehalten wird. Wolf gang Leonhard