Geburtstagsfeier für Chruschtschow? Keine Geburtstagsfeier für Chruschtschow? Diese Alternative hat der sowjetischen Führung nicht geringe Schwierigkeiten bereitet. Sie stand nämlich vor der heiklen Frage, ob sie einen von ihr selbst gefaßten Beschluß anerkennen oder ihn durchbrechen

Am 10. Mai 1956, wenige Wochen nach der Geheimrede Chruschtschows gegen den Personenkult, hatte die Parteiführung nämlich in einem besonderen Beschluß festgelegt, daß in Zukunft Geburtstage von Staats- und Parteiführern nur beim 50. und danach jeweils alle zehn Jahre zu feiern seien. Jede andere Geburtstagsfeier wurde als "ungesunde Erscheinung" gebrandmarkt und verboten. Chruschtschow, der am 17. April 65 Jahre alt wurde, hatte also laut Beschluß keinen Anspruch auf eine Feier ...

So kam es, daß die Prawda vom 17. April das Ereignis mit keiner Zeile erwähnte. Das Schweigen der Sowjetpresse war um so auffälliger, als in den übrigen Ostblockstaaten – vor allem in der Sowjetzone – der Geburtstag groß herausgestellt wurde. Erst am 19. April erschien in der Prawda endlich ein Glückwunsch, der von 13 Mitgliedern und neun Kandidaten des sowjetischen Parteipräsidiums unterzeichnet war und das Datum des 16. April trug. Chruschtschow wurde darin als "unser älterer Genosse und Freund" und "treuer Schüler Lenins" bezeichnet.

Mit zweitägiger Verspätung begann die Prawda dann auch, die Glückwünsche aus den Ostblockstaaten zu veröffentlichen. Wie zu erwarten, übertraf dabei das Sowjetzonenregime an Servilität alle anderen. Die meisten Ostblockstaaten – Polen, China, Rumänien, Albanien, Korea, Mongolei und Vietnam – beschränkten sich auf einen Glückwunsch; aus Ungarn und Bulgarien kamen zwei, aus der Tschechoslowakei vier, aus der Sowjetzone Deutschlands hingegen zehn Glücksollte. wünsche... Wolf gang Leonhard