Von einem Kriegstagebuch erwarten wir ebenso individuelle wie exemplarische Aussagen. Enttäuscht wird daher, wer das Buch von

Jochen Klepper: "Überwindung, Tagebücher und Aufzeichnungen aus dem Kriege"; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 272 S., 13,60 DM,

etwa in der Erwartung zu lesen beginnt, einer persönlichen Deutung des Kriegsgeschehens zu begegnen. Was Klepper nämlich über das Jahr 1941 zu berichten weiß, verdiente nicht unsere besondere Aufmerksamkeit, enthielten seine Aufzeichnungen nur die Tagebuchnotizen über den Vormarsch durch Rumänien und Bulgarien sowie den Einfall in Bessarabien und die Ukraine.

Daß dieser Teil der Tagebucheintragungen so belanglos ist, mag zum Teil daher rühren, daß Klepper den Krieg nur als Fahrer einer pferdebespannten Nachschubtruppe und später als Kommandierter beim Stab eines Divisions-Nachschub-Führers mitgemacht hat, also stets nur hinter der kämpfenden Front nachrückte. Der eigentliche Grund aber für diese Blutleereliegt in dem persönlichen Schicksal des Tagebuchschreibers, "Soldat zu sein, ohne es sein zu dürfen". Dieses Schicksal ist es, das den Leser des Kriegstagebuches immer wieder erschüttert.

Jochen Klepper war nicht der einzige, der sich durch das Soldatsein Minderung persönlichen Leids – oder sogar Rettung – versprach. Darum war er eingerückt. Aber der Autor des Romans "Der Vater" wurde Soldat auch aus dem Verlangen, sich gleich allen anderen in höchster Not mutig bewähren zu können. Wie stolz war er, als er eintragen konnte, daß in ihm, laut Urteil seines Kommandeurs, das Zeug zum Offizier steckte: "Was hätte wohl mein König gesagt, wenn ich überhaupt nicht zum Offizier geeignet gewesen wäre." Welche Enttäuschung, als er nur zum Obersoldat ernannt, nicht aber zum Gefreiten und Offiziersanwärter befördert werden durfte, weil einer Beförderung seine "nichtarische Ehe" entgegenstand: "Ach, nur Soldat sein dürfen, wie die anderen. Diese Wunde, nicht mehr beklagt, ist eben doch tief und zehrt."

Täglich wechselten Klepper und seine jüdische Frau Briefe. Dieses Geborgensein in dem "Zuhause" war das größte irdische Glück, doch wurde es immer wieder durch neue Bestimmungen wie das Gebot, daß die geliebte Tochter Renerle daheim den sogenannten "Judenstern" tragen mußte, oder durch die Aussichtslosigkeit, Soldat bleiben zu dürfen, dunkel umwölkt – so daß plötzlich in der Niederschrift "Herzenswunden statt Herzenswonnen" zu lesen ist.

"Ich sehe meine Last; und sehe Gottes Treue", so lautet die Eintragung für den 23. Juli1941. Alles Tun und Leiden mündet in Gott. Diese Bezogenheit, in solcher Einfachheit und Klarheit, ist bei keinem zweiten zeitgenössischen deutschen Autor mehr zu finden.