Seit einiger Zeit präsentieren uns amerikanische,französische und italienische Filme auffallend deutlich die Rückseiten ihrer Schauspielerinnen. Das geschieht durchaus nicht, um den Sturmangriffen der Busen-Bastionen Pausen zu gönnen. Es findet wegen der Rückseiten selbst statt, jener Körperpartien, denen in der offiziellen Bewertung seit dem Sturz von der Höhe des Cul de Paris keine Schönheit mehr zugestanden wurde. Die betonte Präsentation engverpackter Rückfronten scheint – vorläufig allerdings nur beim Film – eine Renaissance des Geschmacks der Jahrhundertwende anzukündigen. Es wäre denkbar, daß zu anderen Erscheinungen jener Zeit, die wiederkehrten, zum Lüster, zur Petroleumlampe, zum als Zimmerschmuck wiederbegehrten Makartstrauß, "der schöne Rücken, der auch entzücken kann", kommen will. Es wäre ein Phänomen, würde diesmal nicht nachgeahmt werden, was die Filmdarstellerinnen bieten und, man müßte fürchten, ihre Hauptrolle, Leitbild zu sein, wäre ausgespielt, wenn nicht in naher Zukunft die modischen Damen mehr Wert auf eine gutausgebildete Rückseite legen. Wenn ja, so käme ein Schönheitsideal ins Wanken, das unangefochten ein halbes Jahrhundert überstanden hat.

Allerdings spricht manches dagegen, daß sich die wohlausgebildete Rückseite durchsetzen wird: dieses Ideal ist keins, es ist nichts Unerreichbares, es ist nicht einmal schwer erreichbar, es ist, um es hart zu sagen, die mühevoll unterdrückte Wirklichkeit. Es zu erreichen, bedarf also keiner Mühe. Im Gegenteil: die ständige Mühe der Selbstdisziplin, die Damen haben, die mit der Mode gehen wollen, wird überflüssig. – Welch ein Leben bräche an! Nicht mehr die Männer allein würden mit Genuß vor langen Speisekarten komponieren, was sie genießen wollen. Die Frauen, bisher damit beschäftigt, zu prüfen, ob irgendein schmackhaftes Gericht mit minimaler Kalorienzahl auf der Karte ist – würden sich auf männlich unbesorgte Art ans Schlemmen machen. – Ich blätterte in einer amerikanischen Zeitschrift und entdeckte darin eine Annonce, die etwas anbot, das für die kurze Übergangszeit ein Geschäft sein würde: Don’t be flat! hieß der Slogan. Und eine Zeichnung stellte ein Kleidungsstück mit wohlgerundeten Schaumgummipolstern für die Sitzfläche dar. Mit seiner Hilfe muß es sich hübsch weich sitzen, selbst auf harten Stühlen in Behörden, auf Campingwiesen, auf Felsenküsten. Doch eins ist sicher: der Fabrikant von Don’t be flat wird brotlos, wenn die Natur das von ihm propagierte Wunschbild erreicht hat. Und das geht schnell. Er täte darum gut, seinen Betrieb so einzurichten, daß er ihn jederzeit auf Nahrungsmittel mit hoher Kalorienzahl umstellen kann. – Für die Hersteller von Kochbüchern ist wenig mehr zu erwarten. Sie sind seit Jahren Bestseller-Fabrikanten. Unsere Urgroßmütter hatten ein handgeschriebenes Kochbuch, das sie in der Vorbereitungszeit auf die Ehe anfertigten und laufend mit selbsterprobten Verbesserungen ergänzten. Unsere Großmütter und Mütter besaßen ein dickes gedrucktes Kochbuch, das im Laufe vieler Jahre durch eingelegte Zettel deformiert wurde: "Läßt sich durch dicke Sahne wesentlich verbessern", "Eine Stunde Rühren genügt", "Geht auch mit Madeira". Alles in Eigenversuchen erprobte Feinheiten, für deren Wirkung die üppigen Rundungen der Damen selbst sprachen. – Ausgerechnet wir haben heute oft eine ganze Handbibliothek von Kochbüchern. Und keines heißt mehr schlicht Kochbuch. "Lob der guten Küche" heißen sie, "Das bunte Buch vom Kochen", "So ißt man in China", "So speist Amerika", "Käse von früh bis spät", "Salate am laufenden Band", "Mir schmeckt es", "Was Männer gern essen", "Wenn Gäste kommen". Und nichts von allem erprobt die Dame, der die Mode wichtig ist, an sich selbst. Sie nippt nur daran. Sie nimmt das Quellstäbchen aus der Schachtel, das den Magen füllt und bemogelt, und rührt in hübschen bunten Töpfen zusammen, was diejenigen erquicken soll, die nicht durch Schönheitsbegriffe in Modealben versklavt sind, sie kocht für die Männer.

"Das Essen weckt den Witz und die Laune, daher Gourmands und dicke Leute so witzig sind", schrieb Novalis. Quellstäbchen und ungezuckerte Pampelmusen machen selten witzig. Wer ihnen zuspricht, verzichtet also nicht allein auf Braten, Suppen und Saucen.

Es ist schwer zu sagen, ob es die Männer sind, die das Ideal der überschlanken Frauen so festhalten. Ich glaube das kaum, wenn auch der Verdacht aufkommen könnte, sie täten es, um ihren eigenen Witz heller leuchten zu lassen.

Ob eine "Frauenbewegung für erweiterte Linien" Aussicht auf Erfolg hätte? Es käme auf den Versuch an. Mit Hilfe von "Don’t be flat" wäre er unverbindlich möglich. Ruth Herrmann