Es gibt ein altes Sprichwort, welches lautet: "Große Reisen bringen große Lügen." Von jeher ist es großen Reisenden geschehen, daß man ihren Schilderungen von unterwegs mit Mißtrauen begegnete. So mußte beispielsweise einer der berühmtesten Weltreisenden jener Marco Polo aus Venedig, der eine für damalige Zeiten sensationelle Reise machte, atemberaubende Erlebnisse hatte und ferne Wunderstädte sah, auf dem Totenbett seinen Freunden noch einmal ausdrücklich versichern, daß alles, was er als Erlebnisse von unterwegs geschildert hatte, wirklich wahr und erlebt war, nämlich die Durchquerung des Libanon, Persiens, des Hochlandes von Pamir, der Wüste Gobi, die Übersteigung der chinesischen Mauer und die Reise durch China bis Peking. Dort lebte er zwanzig Jahre. Er brachte es zu Würden und Ansehen.

Wieder in die Heimat zurückgekehrt, glaubte man ihm nur zögernd, obwohl er zwei Zeugen hatte, seinen Vater und seinen Onkel, die beide immer dabei waren. So sehr war man von Mißtrauen gegen diesen Mann, der eine große Reise tat – und gegen seine Berichte über das unterwegs Erlebteerfüllt, daß in Venedig nach Marco Polos Tod eine komische Figur populär wurde, die "Marco Milioni" genannt wurde, so seinen angeblichen Hang zu Übertreibungen ins Millionenhafte kritisierend. Und dabei fühlte er sich der Wahrheit verpflichtet, der reinen Wahrheit! Es hat etwas Rührendes, wenn er bei besonders phantastisch anmutenden Schilderungen vermerkte: "Als alles dies geschah, befand sich Herr Polo an Ort und Stelle." So ist es verzeichnet in seinen im Jahre 1299 aufgeschriebenen Reiseerlebnissen.

"Nun, da das eben Geschilderte geschah, befand sich Herr, oder Frau oder Fräulein Soundso an Ort und Stelle" ist eine Formel, die wir ruhig wieder verwenden sollten, wenn wir von Erlebnissen auf Reisen erzählen.

Es ist derselbe Unternehmungsgeist, der auf das Ferne, Unbekannte abzielt, der die Menschen beschwingt, ehedem wie heute. Und wer reist, erlebt alles zweimal: einmal de facto, wenn er unterwegs ist. Und zum anderen, wenn er, heimgekehrt, den anderen davon erzählt. Diese Freude am Erzählen ist verständlich. Nicht nur unterwegs, auch zu Hause hat es der Heimgekehrte heute allerdings einfacher als Marco Polo: Er kann als Kronzeugen die Photos vorweisen, die er gemacht hat. Allerdings gibt es heute manch einen "Marco Milioni" mit der Kamera. Karl N. Nicolaus