Das ist auch die große Kritik an allen Plänen der Selbstbeteiligung: Die Leute werden – aus falscher Sparsamkeit – nicht früh genug den Arzt aufsuchen. Aber gibt es solche Patienten nicht heute auch schon? Wird es solche nicht immer geben – aus Nachlässigkeit?

Minister Blank hat seine Pläne früh und freimütig offengelegt, etwa ein Jahr vor der Bundestagsdebatte. Dieser Mut zur vorparlamentarischen Diskussion ("Blanks neuer Stil") trug ihm zwar Lob und erwünschte Kritik, der Sache aber Schaden ein. Die Leistungsverbesserungen wurden wort- und danklos hingenommen, die Selbstbeteiligung aber in den Mittelpunkt der Kritik gezerrt. Namentlich die im DGB vereinigten Gewerkschaften zahlten Blank seine Offenheit schlecht heim: Sie mobilisierten die Belegschaften, drohten mit Streiks und Lohnkämpfen und dem Ausschluß des alten Gewerkschafters Blank aus dem DGB. Der Arbeitnehmerflügel der CDU sprach darob in seinem Organ schlicht von "Demagogie" und "Agitation". Denn wenn auch die christdemokratische Linke selber über den "Patientenanteil" nicht ganz glücklich ist, gibt sie Blank dennoch zu, daß die Leistungsverbesserungen bezahlt werden müssen – und zwar nicht von einem anonymen Staat, sondern von den Versicherten selbst.

"Gesundheit für jedermann"

Der große politische Gegenspieler Blanks ist aber die SPD. Zwar bejaht sie die Leistungserweiterungen, die sie ja selber schon im Frühjahr 1957 im Bundestag vorgeschlagen hat. Aber deren Finanzierung stellt sie sich anders vor. Die Kassen sollen von den sogenannten Fremdlasten befreit werden. Denn sie zahlen jährlich

an Stelle der Unfallversicherung 320 Millionen für die ersten Leistungen bei Unfällen;

an Stelle der Kriegsopferversorgung 25 Millionen für Gesundheitsschädigungen infolge des Krieges;

an Stelle des Staates (etwa: Familienministerium) 300 Millionen für Mutterschaftshilfe, ungeachtet dessen, daß Schwangerschaft keine Krankheit ist.