Kopf an Kopf drängten sich 600 000 Menschen auf dem Platz der Republik, füllten das Geviert zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, zwischen Reichstagsruine und Kongreßhalle. Maifeier in Westberlin: Diesseits der Sektorengrenze gab es keine waffenstarrenden Aufmärsche. Eine halbe Million Menschen demonstrierte für das Lebensrecht der Freiheit.

Oben auf der Tribüne stand neben Berlins Regierendem Bürgermeister Willy Brandt, Bundesminister Lemmer und dem DGB-Landesvorsitzenden Scharnowski ein ziemlich kleiner Mann. Kantige Kinnbacken, brandroter Haarschopf, jungenhaftes Gesicht, ganz der Typ des ewig frischgeduscht wirkenden Amerikaners: Walter P. Reuther, der Vizepräsident des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL/CIO.

„Wir stehen bei euch in Berlin, ganz gleich wie hart und kalt der Wind aus dem Osten bläst“, rief Reuther den sechshunderttausend zu. Er sprach deutsch mit etwas, hartem Zungenschlag, aber fast ohne fremdländischen Akzent: „Haltet aus, denn ihr seid nicht allein. Zusammen werden wir das Tor zur Freiheit in Berlin offenhalten!“

Den Berlinern war ihr Ehrengast vom 1. Mai kein Unbekannter. Er war schon oft bei ihnen gewesen, auch damals nach dem Aufstand vom 17. Juni. Sie schätzen seine Art, die Dinge auf ihren harten Kern zu reduzieren. „Keine Schlagworte bei Reuther, keine Nebelphrasen“, sagte einer nach der Kundgebung. „Freiheit – das ist die einzige Formel, auf die es ankommt.“ Und gar manche Berliner sprechen seinen Namen, der sich auf amerikanisch wie „Ruser“ anhört, verehrungsvoll wie „Reuter“ aus. Der amerikanische Gewerkschaftsführer ist aus demselben Holz geschnitzt wie Ernst Reuter, Berlins erster Regierender Bürgermeister...

Wenn er nach links sah von der Maitribüne, durch das Geäst der Mikrophone hindurch und hinweg über die Menschenmenge, fiel Reuthers Blick auf die narbige Fassade des alten Reichstagsgebäudes. Zum erstenmal hatte er diese Ruine Anfang 1933 gesehen, kurz nach der Machtübernahme Hitlers und vierundzwanzig Stunden, nachdem Görings Leute Feuer an das Gebäude gelegt hatten. Damals befanden sich der 26jährige Werkzeugmacher Walter und sein älterer Bruder auf einer Radtour durch Europa. In Berlin kampierten sie bei antinationalsozialistischen Studenten und verhalfen einigen von ihnen über die Schweizer Grenze. Sie sahen, wie SA-Trupps Gegner des Regimes zusammenschlugen. Aus dem Land des braunen Terrors radelten sie weiter nach Osten.

Vielleicht glaubten die beiden damals wirklich, in der Sowjetunion das Paradies der Arbeiter zu finden. Sechzehn Monate arbeiteten sie in der Automobilfabrik, die Ford in der Wolgastadt Gorki für die Sowjets errichtet hatte. Walter brachte es bis zum Vorarbeiter, erhielt Prämien für seine Verbesserungsvorschläge und schrieb Artikel für die englischsprachige Moskauer Presse. Aber die sechzehn Monate im Lande Stalins genügten, um ihn und seinen Bruder gründlich zu ernüchtern. Über Indien und Japan reisten sie zurück, studierten in dem einen Lande den Freiheitskampf eines Kolonialvolkes und im anderen den Aufstieg des Militärfaschismus.

Im Jahre 1935 war Walter Reuther wieder in Detroit. Der zweite Abschnitt seiner Erziehung war beendet. Er hatte die große Welt kennengelernt. Die Welt des Automobilzentrums Detroit kannte er schon von früher, und in sie stürzte sich der 28jährige nun mit missionarischem Eifer.