In einem merklich freundlicheren Konjunkturklima fand in diesen Tagen die Jahresversammlung der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie statt. Die Werke der westdeutschen eisenschaffenden Industrie verspüren, besonders auch von der Exportseite her, einen kräftigen Aufwärtstrend.

Die Bestellungen nehmen zu; sie liegen z. T. schon wieder beträchtlich über den Auslieferungen. Im April konnten die Werke insgesamt rund 1,5 Mill. t an neuen Bestellungen buchen. Gegenüber den Auftragseingängen des Jahres 1958 in Höhe von monatlich rund 1 Mill. t ist das eine beachtliche Besserung. Die Produktions- und Arbeits-Zeitbeschränkungen, mit denen die Stahlindustrie der Marktflaute begegnet war, konnten inzwischen nahezu überall aufgehoben werden. Dennoch scheint der kürzlich von einem Hüttendirektor zu hörende Stoßseufzer, daß die "Vollbeschäftigung im Jahre 1959 nicht die des Jahres 1957" sei, seine Berechtigung zu haben.

Das Bild, das der Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, Bergassessor a. D. Dr. Hans-Günther Sohl, vor den in Düsseldorf versammelten "upper ten" der westdeutschen eisenschaffenden Industrie entwarf, war keineswegs so heiter, wie die neueren Verkaufs- und Produktionszahlen es vermuten lassen. "Wir würden leichtfertig handeln", so sagte Sohl, "wenn wir wegen der sich füllenden Auftragsbücher an den bestehenden Unsicherheitsfaktoren und den nach wie vor ungelösten Problemen vorbeisehen würden." Die Furcht vor einem erneuten Kampf dieser Industrie gegen künstlich überhöhte Lagerbestände steckt den Werken, die in dieser Beziehung gerade aus dem Schneider heraus sind, begreiflicherweise noch in den Gliedern. Als maßgeblicher Sprecher dieses Wirtschaftszweiges charakterisierte Hans-Günther Sohl die Lage so:

Die lebhaftere Bestelltätigkeit wurde eingeleitet durch eine deutlichere Verbesserung des Exportgeschäftes im vergangenen Februar. Sie war insoweit außergewöhnlich, als allein die Vereinigten Staaten, nachdem, ihre eigene Kapazität wieder nahezu voll ausgelastet war, im Montanunionsraum über 300 Mill. t Walzstahl bestellten. Der rasche Anstieg von Aufträgen und Produktion in den USA ist jedoch nicht nur aus einem ansteigenden Verbrauch zu erklären. Vielmehr resultiert dort die zusätzliche Nachfrage zu einem erheblichen Teil aus der Sorge vor einem drohenden Streik der amerikanischen Stahlarbeiter im kommenden Sommer. Daher werden gegenwärtig in den USA vorsorglich beträchtliche Vorräte angelegt. Wenn der befürchtete Streik nun nur von kurzer Dauer ist oder sogar ganz abgewendet wird, kann sich der internationale Stahlexportmarkt erneut abschwächen. Das müßte seine zwangsläufigen Rückwirkungen auf den europäischen Markt und damit auch auf den innerdeutschen Markt haben.

Für die deutschen Stahlerzeuger würde sich dann das durch die Francabwertungen hervorgerufene Preisgefälle zum französischen Stahl wieder in voller Schärfe zeigen. Im Augenblick können die Hütten- und Walzwerke des Ruhrreviers die niedrigeren – manipulierten – Preise ihrer benachbarten Konkurrenten noch mit ihren im allgemeinen sehr kurzen Lieferfristen auffangen. Aber wenn bei einer erneuten Abschwächung des Exportmarktes die Partner der Montanunion wieder verstärkt einen Ausgleich im Geschäft mit der Bundesrepublik suchen, dann ginge sicherlich die "Wettbewerls-Verfälschung" – eine Empfehlung der Hohn Behörde an die französische Regierung zu deren Beseitigung scheint offensichtlich wie das bekannte Hornberger Schießen auszugehen – zu Lasten der westdeutschen Stahlerzeugung. Abgesehen davon würde sich die Preisverzerrung aber auch schon dann auswirken, wenn der heute noch vorhandene Vorteil der kürzeren Lieferfristen mit steigenden Aufträgen bei den deutschen Werken schwindet.

Diese Beurteilung der gegenwärtigen Situation auf dem Stahlmarkt ist sicherlich ernster als sie in den letzten Wochen mancherorts im Revier gegeben wurde, aber dafür trägt sie auch offiziellen Charakter... Indessen – kann man es diesem Wirtschaftszweig verübeln, daß er trotz der über Nacht gekommenen Marktbelebung nicht gewillt ist, über die Verzerrungen am Stahlmarkt hinwegzusehen, die ihn zwar im Augenblick nicht mehr drücken, es dafür aber möglicherweise absehbarer Zeit um so nachhaltiger tun könnten?

Infolge der beiden französischen Abwertungen und vor allem wegen des Eingriffs der Pariser Regierung in die Preisbildung der Werke ist der französische Stahl außerhalb Frankreichs um etwa 18 v. H. billiger geworden. Das bedeutet für den deutschen Inlandsmarkt, auf dem vor den Währungsmaßnahmen französischer Stahl durchweg teurer war als deutscher, daß nun im Durchschnitt aller Sorten und Standorte die Preise für französische Stahlerzeugnisse um etwa 10 v. H. unter den Preisen der Ruhr liegen. Dabei ist z. 3. Stabstahl sowohl in Frankreich als auch in der Bundesrepublik für den jeweiligen Inlandsverbraucher etwa gleich teuer, nämlich 433 DM je t Basis Diedenhofen und 434 DM Basis Oberhausen. Wenn der französische Stahl aber nach Deutschland hereinkommt, z. B. nach Oberhausen, so vermindert sich sein Preis trotz der Frachtbelastung durch umsatzsteuerliche Ent- und Belastungen da der Grenze von 433 auf 395 DM; umgekehrt verteuert sich bei gleicher Fracht der deutsche Stahl, der nach Frankreich, z. B. nach Diedenhofen, geliefert wird, durch umsatzsteueiliche Manipulationen von 434 auf 538 DM. Des ist immerhin ein Preisunterschied von mehr as 140 DM., eine Folge der gegenwärtigen Steuerpraxis im grenzüberschreitenden Verkehr.

"Wir verlangen Gerechtigkeit – nicht mehr und nicht weniger" – lautet die Forderung der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, als deren Sprecher Hans-Günther Sohl im übrigen ein neues Bekenntnis zur Marktwirtschaft abgelegt hat. Das Preisverhalten der westdeutsche! Stahlindustrie werde so aussehen, wie es "Seine Majestät der Kunde" haben will – wenn "die marktwidrigen Einflüsse und Wettbewerbsverfälschungen beseitigt sind und wieder ein tragfähiger Boden für das freie Spiel der Kräfte geschaffen ist." Ingrid Neumann