Paris, im Mai

Die französische Regierung hat die mit Spannung erwartete Kraftprobe am ersten Jahrestag des Putsches vom 13. Mai 1958 bestanden. Nur in Paris, am Triumphbogen, kam es zu kleineren Aufläufen jugendlicher Rechtsextremisten. In Algier selbst wurden die offiziellen Feierlichkeiten nicht gestört; die Ultras beschränkten sich darauf, beim Vorbeimarsch der Truppen demonstrativ vor den Cafés Karten zu spielen oder auf andere sinnige Weise ihr Desinteresse zu bekunden. Sie protestierten damit gegen de Gaulle, der ihnen "ihren" 13. Mai unter der Nase weggezogen hatte, indem er ihn von Staats wegen zum Festtag erklärte. Diese "Beschlagnahme" des Feiertags erbitterte die Ultras besonders, weil sie gerade von dem Manne ausging, der ihrer Meinung nach "den Geist des 13. Mai verraten" und "das System gerettet" hat.

Der glatte Verlauf des Jahrestages ist zu einem wesentlichen Teil jener Politik des divide et impera zuzuschreiben, die der französische Staatschef mit großem Geschick praktiziert. Ihr hat er es ja schon zu verdanken gehabt, daß jener Putsch nicht zu einem von den "Ultras" und den "Paras" bestimmten Umsturz, sondern nur zu seiner – de Gaulles – Rückkehr an die Macht geführt hatte. Rechtzeitig nach Algier entsandten Gaullisten wie Delbecque und Neuwirth war es damals gelungen, den Putsch in diese Richtung abzubiegen. In den seither verflossenen zwölf Monaten hat de Gaulle diese Politik konsequent weiterverfolgt.

Es hat sich dabei gezeigt, daß auch die Fünfte Republik Pfründen zu verteilen hat, die ihren Inhaber verpflichten – selbst wenn es sich nur um Abgeordnetensessel in einer entmachteten Kammer handelt. Bis auf die eine Ausnahme des unruhigen Lagaillarde, der vor einem Jahr den Sturm aufs Generalgouvernement anführte, haben die Abgeordneten aus Algerien zu de Gaulle gehalten. Und selbst ein Teil der "Ultra"-Organisationen verschloß sich der vom extremen Flügel ausgegebenen Parole, diesen "zweiten" 13. Mai als Trauertag zu begehen. Doch all das hätte kaum genügt, wenn nicht die Armee sich mit ganzer Kraft dafür eingesetzt hätte, den Jahrestag zu einem Festtag zu machen. Hier aber liegt auch der springende Punkt – der Punkt, der Zweifel aufsteigen läßt, ob de Gaulle wirklich als der Sieger der Auseinandersetzung angesehen werden darf.

Den Beobachtern in Algerien ist aufgefallen, daß die gaullistischen Organisationen sich kaum auf den General zu berufen wagten. Und die selbstsichere Armee hat zwar de Gaulle gegen Angriffe verteidigt, aber sie hat den Staatschef keineswegs in den Mittelpunkt gestellt. Im Mittelpunkt der offiziellen Feiern stand vielmhr die Parole vom "französischen Algerien", zu der sich de Gaulle bisher nie ausdrücklich bekennen wollte. Als der Fallschirmjägergeneral Massu der Menge "Vive de Gaulle!" zurief, antworteten ihm die Versammelten mit dem Ruf: "Vive Massu!"

Diese Vorgänge bestätigen aufs neue, daß die Armee in Algerien (und in vermindertem Maße auch in Frankreich selbst) als intakteste und umfassendste aller verbliebenen Organisationen zwangsläufig zu einem ausschlaggebenden Faktor geworden ist. Ihr Einfluß aber wird immer größer, je mehr sich der Nimbus de Gaulles abnützt.

Offen bleibt allerdings noch die Frage, ob die Algerier (die sich in weit größerer Zahl als die schmollenden Europäer zu den Feiern eingefunden hatten) um de Gaulles oder um der Armee willen sich auf dem Forum eingefunden haben – ja, ob sie eine solche Unterscheidung überhaupt machen. Durch die Boykottparole der "Ultras" war die Feier indes auf jeden Fall zu einer Demonstration gegen die "diehards" unter der weißen Bevölkerung geworden, und gewiß hat mancher Algerier die Gelegenheit zu einer militärisch geschützten Demonstration benützt. Es ist darum aber auch etwas voreilig, in den Feiern vom letzten Mittwoch eine Wiederholung der französisch-algerischen Verbrüderungsszenen jenes 16. Mai 1958 zu sehen, dessen Jahrestag die Armee ursprünglich an Stelle des 13. Mai hatte feiern wollen.

So ist es denn am "zweiten 13. Mai" zu keinem neuen Putsch gekommen. Dafür aber sind sehr kraß all jene mehr oder weniger großen Gegensätze von neuem sichtbar geworden, die Algerien zu einem Pulverfaß machen: der Gegensatz zwischen. den Algeriern und den Europäern, der zwischen Gaullisten und Pétainisten und nicht zuletzt der noch nicht breit klaffende, aber doch bereits sichtbar werdende Spalt zwischen de Gaulle und der Armee. Armin Mohler