Was erwartet man bei einem Buchtitel, der an romantische Anachronismen erinnert oder gar an Wald- und Wiesenschwärmerei im längst verjährten Wandervogelstil? Oder an lehrhafte Altherrenweisheit, die beschwörend Erinnerungsbilder aufdrängen möchte aus der guten alten Zeit, "da wir noch zu Fuß die Heide und das schneebedeckte Gebirge durchstreiften", oder so ähnlich. Freilich, der Name des Autors läßt bei denen, die ihn kennen, solcherlei Erwartungen nicht aufkommen, wenn sie lesen

Kurt Matthies: "Summe des Wanderns"; Kösel Verlag, München; 212 S., 11,50 DM.

Das Kriegstagebuch "Ich hörte die Lerchen singen" – eines der wenigen Kriegsbücher jenseits der Phrase, jenseits aller Konjunkturspekulationen, sowohl der damals wie der heute aktuellen, hatte Kurt Matthies vor drei Jahren mit einem Schlage bekanntgemacht. Im Vorjahre war durch den schmalen Gedichtband "Zwischen Stund’ und Stunde" die Aufmerksamkeit auf den originellen Lyriker gelenkt worden. Und jetzt kommt dieses Buch daher – ja, was für ein Buch?

Es läßt sich kaum klassifizieren. Natürlich ist es – "irgendwie" erwandert worden. Aber die "Summe", die es dar- und anbietet, konnte so, wie sie beschaffen ist, nur von diesem "einsamen" und einzelgängerischen Niederdeutschen erwandert werden.

Formal gesehen handelt es sich um eine Sammlung bunter Essays. Aber wie verschieden in Gegenstand und Ausdeutung sie sind, das mögen einige Kapitelüberschriften illustrieren: Bildnis eines alten Mannes", "Die Stadt der Ackerbürger", "Der absolute Privatmann", "Im Lande des Königs von Preußen", "Die Menschenleere", "Über den Tod", "Wandertage in den Alpen", "Im Tal der Murmeltiere", "Die Scheuerfrau von Andechs" ...

In diesem Buch ist jedes Wort erlebt und durchdacht. Natur-Ressentiments wird man vergeblich suchen. Um so mehr findet man die inspirierte Meditation, stets und immer an der sinnlich wahrgenommenen Wirklichkeit entzündet.

Ausgangspunkt ist jedesmal die Physis der Landschaft und der Menschen in der Landschaft. Die denkerische Kraft und die Magie des geprägten Wortes heben sie unvermerkt in die Region des Metaphysischen. So waltet hier eine bemerkenswerte dichterische Kraft der Vision und der Interpretation. Ergreifend wirkt dabei, wie der Sohn der "gestaltlosen" norddeutschen Gebreiten mit ihrer Nebelhaftigkeit spät, aber darum nur eindrucksmächtiger, im südlichen Hochgebirge den erlösenden Geist gestalteter Welt, klarer Form und geweiteten Atems erlebt. W. Abendroth