Es fehlte nur Schalmei-Musik

Wehner und die Zwischenruf er – Grobe Keile, grobe Klötze – Parteiabend im Wahlkreis

Die Befürchtung, daß "Stübens Gesellschaftsräume" in Hamburg-Wilhelmsburg dem Ansturm der politisch Interessierten nicht gewachsen sein könnte, erwies sich als unbegründet. Zehn Minuten vor Beginn der Versammlung standen ein paar Männer an der Tür und rauchten, der Saal war noch halb leer. Auf dem Podium war der Tisch für die Versammlungsleitung noch nicht besetzt. Die Wand dahinter war zur Hälfte mit rotem Tuch’ überspannt; darauf stand in großen weißen Lettern: SPD.

Auf Plakaten in Wilhelmsburg und in Hamburg war Herbert Wehner als Redner angekündigt worden. Der Stadtteil Wilhelmsburg nämlich ist der Wahlkreis des stellvertretenden SPD-Vorsitzenden, einer der sichersten Wahlkreise der Sozialdemokraten. Aber als Wehner seine Pfeife zur Seite legte, die er vom Eintritt in den Saal bis zu diesem Augenblick nicht aus den Zähnen gelassen hatte, und sich, die linke Hand in der Tasche des Jacketts, hinter das Mikrophon stellte, waren nur etwa drei- bis vierhundert Menschen im Saal. Fünfzig mehr hätten ohne Mühe Platz gefunden, und dabei sollte Wehner über jenen "Deutschland-Plan" der SPD reden, den seine Gegner abschätzig "Wehner-Plan" nennen ...

Die Anklagerede

Schon nach den ersten Worten verwandelt sich die Szene zum Tribunal. Wehner hält seine Anklagerede; angeklagt ist die Bundesregierung, weil sie fahrlässig oder vorsätzlich die Wiedervereinigung verhindert habe. Vor zehn Jahren und ebensowenig später, 1952, 1954 – so lautet die These Wehners – hat Bonn vorhandene Chancen nicht genutzt. Die SPD habe vergeblich gefordert und gemahnt. Heute sei die deutsche Einheit unvergleichlich schwieriger und teurer geworden. Punkt für Punkt hämmert der Ankläger diese These ein, und nach jedem Kernsatz brandet der Beifall hoch.

Im Saal sitzt die Eiserne Garde von Wilhelmsburg. Gut zwei Drittel der Anwesenden scheinen zum alten Stamm der SPD-Wähler zu gehören! Die meisten von ihnen sind wohl schon vor 1933 zur Sozialdemokratie gestoßen. Sie sind noch mit den Begriffen des Klassenkampfes groß geworden, haben die Hitlerdiktatur erlebt und nach 1945 vergeblich auf eine sozialdemokratische Bundesregierung gehofft. Zwischen den Veteranen eine Reihe junger Gesichter: Jungsozialisten, aber auch Mitglieder der Jungen Union. Hie und da noch ein paar, die aus Neugierde gekommen zu sein scheinen, aber kaum jemand, der nicht eine festgelegte politische Meinung hätte.

Während ein schwitzender Ober in einem Drahtkorb Bier und Coca Cola an die Tische schleppt und der Tabakqualm allmählich dichter wird, geht Wehners Anklagerede weiter, und ich bin versucht, Vergleiche für seinen Redestil zu finden. Ollenhauer spricht nüchterner, ausgleichender, Erler ist logisch genauer, Carlo Schmid eleganter und humorvoller, aber keiner hat das, was Wehner auszeichnet: das Fordernde, Zwingende, Revolutionäre. Keiner weckt soviel Begeisterung, soviel Feindschaft. Die Zwischenrufe werden hitziger.

Es fehlte nur Schalmei-Musik

Der erste war noch zaghaft gewesen. Als Wehner von der Zwangslage des Westens spricht, tönt es von hinten: "Wessen Schuld ist das?" Aber ein anderer Zwischenruf weckt lautstarke Empörung: Wehner hatte dem Bundeskanzler vorgeworfen, daß er Ollenhauers Vorschläge zur europäischen Sicherheitsregelung abgelehnt habe. "Bravo", sägte der Zwischenrufer, worauf Wehner kontert: "Ich fordere Sie auf, das in den Mauern von Berlin zu wiederholen." Tumult.

Die Atmosphäre wird langsam hochgekitzelt. Wehner bezeichnet den Deutschland-Plan der SPD als einen Versuch, die kritische Lage für Berlin abzuwenden und einen Separatfriedensvertrag zu verhindern. Er erörtert die Frage, ob der SPD-Plan ein Gegenvorschlag zu sowjetischen Plänen sei. "Eine Ergänzung", wagt sich ein Zvischenrufer vor. – "Dafür gehören Sie an die Lift gesetzt", donnert Wehner zurück. Ein paar junge Männer bauen sich breitschultrig in der Nahe des Zwischenrufers auf. Die Opponenten werden daraufhin ein wenig vorsichtiger.

Sprecher ohne Mikrophon

Eine Mixtur aus heißem Zorn und kalter Vergärung ist der Schlußteil der Rede, die Auseinandersetzung mit den Gegnern des Deutschland-Planes. "Die Bonner Dogmatiker, Intoleranten und Besserwisser"... "Adenauer, der, als er noch nicht Bundeskanzler war, vom heidnischen Berlin sprach"... "Die SED lehnt ab, weil sie den Anspruch auf Alleinherrschaft nicht aufgeben will." Der stärkste Beifall des Abends aber gilt dem Satz: "Die CDU ist gegen den Plan, weil der Klassenegoismus stärker ist als die Verpflichtung für das ganze deutsche Volk." – Soweit Wehner. Nun die Diskussionsredner ...

Jedoch, sie haben einen schweren Stand. Zwei Mitglieder der Jungen Union nehmen das Wort. Warum bleibt das Mikrophon ausgeschaltet? Warum? In den hinteren Reihen sind sie nicht mehr zu verstehen. Ihre Worte gehen im Lärm unter. Mit zwei Ausnahmen werden nur jene Redner in Ruhe angehört, die sich als Jungsozialisten ocer als "der SPD nahestehend" ausweisen. Von den neun Diskussionssprechern gehören fünf der Jungen Union oder der CDU an,-einer ist Jungsozialist, einer der "SPD nahestehend", einer "Arbeiter und Sozialist". Und einer ist so nervös, daß man nicht recht weiß, was er eigentlich sagen wll. Die Versammlung wird zum Kabarett.

Als Wehner nach etwa vier Stunden das Schlußwort gesprochen hat, scheinen die meisten eine Weile genug zu haben von der Politik. Am Ausgang unterhält man sich über Familienangelegenheiten. Draußen steht ein milder Maiabend, und nur eins hab’ ich vermißt: Schalmei-Musik ... Rolf Zundel