-an-, Rostock

Die Staatsjugend der Sowjetzone hat ihre Geheimnisse – die Abschlußsitzung des "VI. Parlaments der Freien Deutschen Jugend fand letzte Woche hinter verschlossenen Türen statt. Als sich die Tore der Montagehalle der ehemaligen Heinkel-Werke im Tagungsort Rostock-Marienehe wieder öffneten, drang die "Sensation" der FDJ-Heerschau an die Öffentlichkeit: Der langgediente Jugendchef Karl. Namokel hatte seinen Abschied erhalten. Auf seinen Platz an der Spitze des Zentralrats rückte der 36jährige Horst Schumann (Sohn eines nach 1933 hingerichteten KPD-Reichstagsabgeordneten), der bislang zum Funktionärskader der Ostberliner SED-Bezirksleitung gehörte.

Ehe sich aber die erste Garnitur der Jugendfunktionäre von der Öffentlichkeit abriegelte, war in der "Parlaments"-Halle eine große militärische Schau abgelaufen, die die neue Generallinie des Verbandes überaus deutlich werden ließ. Einheiten der "Nationalen Volksarmee" marschierten ein, bewaffnet mit Maschinenpistolen und Schnellfeuergewehren. Sturmriemen unterm Kinn unterstrichen den militärischen Aufzug, zu dem der preußische Präsentiermarsch aufdröhnte. Drüben nennt man das: "Pflege des nationalen Kulturerbes".

Nicht aus dem Born der rotlackierten Tradition, sondern aus dem Quell der SED-Ideologie schöpfte allerdings der Kommandeur der Zonen-Luftwaffe und einstmalige Geburtshelfer der Staatsjugendorganisation, Heinz Kessler, die Stichworte für seine Begrüßungsansprache an die Militärabordnungen und die Delegierten. Sie gipfelte in der Aufforderung an die versammelten FDJ-Funktionäre, die ihnen anvertrauten Jugendlichen zu "unversöhnlichem Haß gegen die Feinde der DDR" zu erziehen.

Die Militärdemonstration war indessen nicht die einzige Gelegenheit, bei der sich das Steingrau der "Volksarmee"-Uniformen mit dem Blau und Oliv der FDJ-Kleidung mischte. In den Straßen des abendlichen Rostock fielen nämlich Militärstreifen in beträchtlicher Zahl unter den flanierenden und nach Abwechslungen forschenden FDJ-Delegierten auf. Mag sein, daß sie nur die auch in Rostock vermuteten "Klassenfeinde" einschüchtern sollten. Zu übersehen waren die jeweils vier Soldaten mit einem Leutnant samt ihren Maschinenpistolen und Stahlhelmen jedenfalls nicht.

An solchen Äußerlichkeiten jedoch konnten die Rostocker der Ehre gewahr werden, die ihnen die FDJ durch die Wahl ihrer Stadt zum Tagungsort widerfahren ließ. Anscheinend legten sie aber keinen besonderen Wert auf diese Ehrung. Vielmehr mußten sie sich durch. die "Ostsee-Zeitung", das SED-Ortsblatt, mehrfach mahnen lassen, ihre Häuser mit Transparenten, Girlanden und Fahnen festlich zu schmücken. Trotzdem blieb die angeordnete Pracht recht dürftig, und öffentliche Gebäude waren schon von weit her an der Ausstaffierung ihrer Fassade zu erkennen. Die Rostocker aber arbeiteten und lebten wie immer. Die Delegierten blieben mit ihrer durch massenpsychologische Kunstgriffe aufgeheizten Begeisterung allein.

Allerdings waren die FDJ-Funktionäre auch nicht in den angehenden Zonen-,,Welthafen" gekommen, um sich mit den Einwohnern anzufreunden, sondern um die Ursachen für das Darniederliegen der FDJ-Arbeit zu suchen und das neue Verbandsstatut nebst den dazugehörigen Dienstanweisungen gutzuheißen.