P. P., Algier, im Mai

Auf den ersten Blick macht Algerien den Eindruck eines prosperierenden Landes, was angesichts des vierjährigen Bürgerkriegs erstaunlich ist. In den algerischen Großstädten schießen Wohnblöcke aus der Erde; Hotelzimmer sind kaum erhältlich, und der Autoverkehr ist sehr lebhaft. Draußen auf dem Lande finden sich zwar viele niedergebrannte Bauernhöfe, doch wird das Land überall bearbeitet. Das einzige Gebiet, in dem die wirtschaftliche Tätigkeit praktisch aufgehört hat, ist das der Erzminen im Süden.

Auch die Aufständischen haben das Wachstum des algerischen Sozialprodukts, das seit zehn Jahren anhält, nicht unterbinden können. Zu welchem Teil dieser Erfolg eine echt "algerische" Leistung darstellt und wie weit er bloß französische Hilfe widerspiegelt, ist allerdings äußerst schwierig festzustellen. In mancher Hinsicht ist Algerien bloß ein Pensionär des französischen Staates. Die algerischen Investitionen werden zu 75 v. H. von der französischen Regierung finanziert, und die restlichen 25 v. H. entfallen zum größeren Teil auf Gesellschaften mit Hauptsitz im Mutterland. Die 400 000 in Frankreich beschäftigten algerischen Arbeiter heben mit ihren dort verdienten Löhnen den Lebensstandard einer runden Million Eingeborenen auf ein – niederes – europäisches Niveau. Und schließlich geben die 600 000 Mann der in Algerien stationierten französischen Armee regelmäßig gewaltige Summen aus, die in die Wirtschaft des Landes fließen.

Die algerische Wirtschaft leidet nicht nur infolge des Krieges unter strukturellen Verzerrungen. Algerien ist ein unterentwickeltes, nur in einzelnen Regionen industrialisiertes Land, das durch politische Bande mit einem reichen Land verbunden ist. Um den politischen Einfluß aufrechtzuerhalten, muß der reiche Partner zahlen. Eine ähnliche – wenn auch nicht gleiche – Beziehung besteht zwischen Nord- und Süditalien. Die Hälfte der zehn Millionen Einwohner Algeriens lebt auf einem "afroasiatischen" Lebensstandard; nur zwei der übrigen fünf Millionen (davon sind die Hälfte Europäer) genießen ein europäisches Lebensniveau.

Um dieses Resultat zu erreichen, hat das französische Schatzamt gigantische Anstrengungen unternommen. Die Aufwendungen Frankreichs für die Entwicklung und Verwaltung Algeriens betragen im laufenden Jahr ungefähr 1,2 Milliarden DM (etwas weniger als 300 Mill. Dollar). Gemessen an den sonstigen "Entwicklungshilfen" ist dieser Betrag riesig. Beispielsweise sieht die Eisenhower-Doktrin für den ganzen Mittleres Osten jährlich nur 200 Mill. Dollar vor. Abgesehen davon gibt die französische Armee große Summen aus, und außerdem erhalten die meisten französischen Firmen für ihre algerischen Investitionen hohe Subventionen.

Da schon die Kosten der Aufrechterhaltung des algerischen Lebensstandards so außerordentlich hoch sind, ist die wirtschaftliche "Integration" – die Hebung Algeriens auf das Niveau des europäischen

Frankreich – offenbar ein leerer Traum. De Gaulles "Constantine-Plan" dürfte das absolute Maximum des Erreichbaren darstellen. (Zehnjährige Industrialisierung; Kosten für Frankreich in den ersten fünf Jahren etwa 4 Mrd. Dollar; zusätzliche Beschäftigung von einer Million Algeriern in der Industrie.)