Daß die Verehrer des Basler Philosophen über den Aufsatz "Goethe oder Jaspers?" von Curtius in so wehmütige Entrüstung geraten sind, zeigt sie als echte Jünger ihres Meisters. Sie sind ebensowenig imstande, Curtius als eine geistige und persönliche Erscheinung in bestimmten und scharfen Umrissen als ein Ganzes zu sehen und in ihrem Sosein anzuerkennen und bestehen zu lassen, seinen Aufsatz als einen in der Form glänzenden und in der rücksichtslosen Entschiedenheit der Stellungnahme imponierenden Ausdruck seines Wesens zu betrachten, als Jaspers es vermocht hat, sich zu einer reinen und ungetrübten Anschauung der Gestalt Goethes in der geformten Fülle ihres Daseins zu erheben. Wenn ich ihn recht verstehe, richtet Curtius seine Kritik gerade gegen dieses Versagen, das in dem Urteil von Jaspers über Goethe zutage tritt. Es sucht nach Maßstäben, ihn zu messen. Und darin liegt die Sünde, die den Zorn von Curtius erregt hat; darin liegt auch die Berechtigung dieses Zornes. Es ist ganz verfehlt, Curtius, den Verfasser des Buches "Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter", gegen Curtius, den Gegner von Jaspers, ausspielen zu wollen. Sie sind beide von dem gleichen Ethos beherrscht und stehen unter dem gleichen Gesetz, ja, man wird vielleicht den Aufsatz über Jaspers erst ganz verstehen, wenn man ihn vor dem Hintergrund der bedeutenden philologischen Schöpfung von Curtius beurteilt.

Professor Dr. Emil Wolff, Hamburg