Uns scheint: Das Rätsel ist gelöst

R. S., Bonn, Mitte Mai

Man hat um die Nachfolgeschaft des Kanzlers Adenauer sehr viel Wind gemacht: zuviel, wie uns scheint. Aber erinnern wir uns doch einmal, welcher Name genannt wurde damals, schon damals vor der Bundestagswahl vom Jahre 1957. Kein anderer Name als der Erhards. Und als Erhard schließlich zum Vizekanzler, also zum Stellvertreter des Bundeskanzlers, ernannt wurde, schien da die Frage nicht etwa gelöst?

Beide Männer, Adenauer und Erhard, galten den Wählern als Repräsentanten des Wiederaufstiegs Westdeutschlands. Und Erhard wurde weithin sichtbar als der zweite Mann der Partei herausgestellt. Mit jener Rangerhöhung Erhards aber wurde gewissermaßen ein Präjudiz geschaffen. Und niemand unterschätze das "Fußvolk" in der Partei. Man könnte ihm gegen seinen Willen (denn die Kanzlerwahl ist ja geheim) keinen Kandidaten aufzwingen, von dem es fürchtet, daß unter seiner Fahne vielleicht ihrer 30 oder 40 nicht mehr in den nächsten Bundestag einziehen würden.

Das Gegenargument, Erhard würde ja auch unter einem anderen Bundeskanzler als "Vater des

Wirtschaftswunders" seine Anziehungskraft behalten, zieht nicht. Hier gilt die Faszination des Namens. Das Gefühl der Wähler verlangt, daß der vertrautere, der beliebtere Mann den ersten Platz einnehme. (Beispielsweise: Nicht Ollenhauer, sondern Carlo Schlund mußte als ein aussichtsreicher Kandidat für den Stuhl des Bundespräsidenten gelten, ehe Adenauer auf diesen Schauplatz trat, und die SPD wußte dies.) Kurz, man muß die Leuchtkraft einer Persönlichkeit in Rechnung stellen. Es braucht gar nicht der bessere, der tüchtigere Mann zu sein. Im Falle Erhards ist eines gewiß: Er gilt im Volke mehr als Etzel, obwohl dieser vielleicht kein schlechterer Bundeskanzler wäre.

Keiner, der einem Adenauer auf den Kanzlerposten folgt, kann hoffen, es leicht zu haben. Nicht Erhard und nicht Etzel (würde er der Bundes kanzler) kann mit einer annähernd so großen Autorität zu regieren beginnen, wie sie Adenauer seit Jahren hat. Der Nachfolger wird sich als Führer eines Teams zu bewähren haben. Und er wird das unter der kritischen Beobachtung des Bundespräsidenten Adenauer tun müssen. Das alles wird seine Bewegungsfreiheit einengen. Aber es wird ihm auch eine Hilfe in dem manchmal reißenden Strom der Politik sein. Selbst wenn Erhard den Kurs unserer Außenpolitik ändern wollte, er könnte es nicht. Aber warum sollte er es wollen? Weiß er nicht genau, wie sehr seine ganze Wirtschaftspolitik auf dem Vertrauen fußt, das der Bundeskanzler in zehn Jahren mühsam im Ausland erworben hat? Man sollte ihm bis zum Beweise des Gegenteils zugute halten, daß er mit großem Ernst geprüft hat, was er sich selbst zutrauen darf. Er hat ja einen Namen zu verlieren.

Nun kann der Bundeskanzler freilich nicht morgen vor die Öffentlichkeit treten und verkünden, er werde nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten keinen anderen als Ludwig Erhard als Bundeskanzler vorschlagen. Noch ist Professor Heuss, dem in dem Hin und Her der Nominierung des Nachfolgekandidaten der Unionsparteien schon allerlei zugemutet wurde, Bundespräsident, und Dr. Adenauer ist noch Bundeskanzler.