Von Paul Hühnerfeld

Gute Romane sind in der jungen deutschen Literatur selten. Von den wenigen, die es gibt, ist ein guter Teil von Frauen geschrieben. Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung", Johanna Moosdorfs "Flucht nach Afrika", Marlen Haushofers "Eine Handvoll Leben" – das sind nur drei Zeugnisse für den ungebrochenen Drang jüngerer Frauen, zu erzählen und nichts als zu erzählen, in einer Zeit, von der behauptet wird, daß man in ihr und von ihr nicht mehr erzählen könne.

Es wäre wert nachzudenken, ob sich bei den Frauen eine größere Ungebrochenheit, ein festeres Vertrauen zu Formen der Literatur offenbart. Doch ist das hier nicht die Aufgabe: Hier sei nur angedeutet, wie aufmerksam der Kritiker werden sollte, wenn zwei neue Romane von deutschen Autorinnen auf seinen Schreibtisch kommen – noch dazu, wenn sich beide Damen durch ein erstes Werk schon als hervorstechend begabt ausgewiesen haben:

Maria Dessauer: "Herkun"; Marion von Schröder Verlag, Hamburg; 305 S., 14,80 DM,

Erna Donat: "Das hübsche Fräulein Faber"; Georg Westermann Verlag, Braunschweig; 240 S., 11,80 DM.

Man erinnere sich: Vor einigen Jahren war der kleine Roman "Osman" von Maria Dessauer mit den Illustrationen von Bele Bachem manchem mit Recht als ein bezauberndes Versprechen, als ein bewundernswerter Farbklecks in unserer unifor men Literatur erschienen. Diese Jungmädchen geschichte aus Konstantinopel hatte Originalität und Esprit – und einen eigenwilligen Stil. Maria Dessauers zweites Buch ist weitaus ambitiöser: Es ist der Entwicklungsroman eines Studenten, der durch das Feuer seiner ersten und gleich ziemlich sündig geratenen Liebe und durch die Freundschaft zu einem älteren Mann – eben jenen. Herkun, nach dem das Buch betitelt wurde – geläutert wird.

Damit ist der Inhalt erzählt. Schwieriger wird es schon, die Zeit und Gegend festzulegen, an der der Roman spielt. Einer einzigen Bemerkung gegen Schluß ist zu entnehmen, daß man sich die Jugenderlebnisse des Helden auf jeden Fall vor 1933 denken muß, vielleicht unmittelbar nach, vielleicht auch kurz vor dem ersten Weltkrieg. Nachzutragen wäre vielleicht noch etwas über die "Liaison" unseres stud. jur. Wolfgang: Das ist eine ganz Verrufene, das Monstrebild eines käuflichen Mädchens, vor dem unseren Großeltern wohlig gegruselt hätte: von zartem Wuchs und fin-desiècle-Liebreiz, verführt sie den biederen Arztsohn vom Land dennoch zum Faulenzen, Spielen, Schuldenmachen.