Stalins "Grundzüge" sind allgeschafft

Von Wolfgang Leonhard

Abseits der wechselvollen Tagesereignisse hat die Sowjetführung eine bedeutsame ideologische Umorientierung vorgenommen und sich teilweise von Stalins Darstellung des dialektischen Materialismus abgekehrt. In einer Anfangsauflage von einer halben Million Exemplaren hat der Staatsverlag für politische Literatur kürzlich das neue Lehrbuch "Grundlagen der marxistischen Philosophie" herausgegeben.

Das neue 700 Seiten starke Lehrbuch legt in 19 Kapiteln den dialektischen und historischen Materialismus dar und gilt als das offizielle Lehrbuch für alle Fakultäten der Hochschulen. Im Vorwort ist jedoch erklärt, es könne auch für Parteifunktionäre, Mitarbeiter der Staatsverwaltung und für die sowjetische Intelligenz "nützlich" sein – ein deutlicher Hinweis darauf, daß es sich um das seit langem erwartete parteioffizielle Lehrbuch handelt. Es ist von einem Autorenkollektiv ausgearbeitet worden, dem die wichtigsten Sowjet-Philosophen, darunter Konstantinow, Rosental, Kammari, Fedossejew und Glesermann angehören.

Nach dem Erscheinen dieses Buches gehört Stalins im September 1938 veröffentlichte Schrift "Über den dialektischen und historischen Materialismus? endgültig der Vergangenheit an. Von allen politischen Schriften der "Klassiker" – Marx, Engels, Lenin und Stalin – hatte diese Schrift die höchste Auflage Von 1938–1954 wurde das ziemlich primitive Traktat offiziell als "Enzyklopädie der Wissenschaften" bezeichnet.

So dachte Stalin...

Stalin hatte zunächst den dialektischen Materialismus als die Weltanschauung der Partei bezeichnet und bei der Darlegung mit der Dialektik begonnen, ehe er den philosophischen Materialismus behandelte. Laut Stalin bestand die Dialektik aus folgenden vier Grundzügen: