Von Werner Ross

In Rom gibt es keine Litfaßsäulen. Dafür sind Häuserfronten, Parkmauern, Bauzäune grellbunt mit Plakaten tapeziert. Hier müßte zu sehen sein, was sich in Rom tut. Schaun wir nach.

Nach laufenden Metern gemessen, schluckt der Film den Löwenanteil des römischen Kulturlebens. Dabei sieht es so aus, als ob in jedem Filmpalast das gleiche Stück gegeben würde, so einheitlich verrenken sich auf den Reklamen die Huldinnen der Leinwand in dem Bemühen, sich vor dem Publikum jede nur mögliche und doch gleichzeitig vor der Zensur keine Blöße zu geben.

Die kühnen Technicolor-Umarmungen könnennicht darüber hinwegtäuschen, daß es dem Film in Italien schlecht geht, daß der künstlerische Film daniederliegt. Die bittere und banale Wahrheit, daß man zwar Ware, aber nicht Kunstwerke im Jahresausstoß produzieren kann, macht auch vor den phantasievollen Regisseuren des italienischen "Neorealismus" nicht halt. Rosselini, aus der Ehe mit Ingrid Bergman und dem indischen Abenteuer mit Sonali zurück, liegt noch brach. Blasetti hat in "Europa bei Nacht" das Nachtleben, genauer: das Varietéleben der europäischen Metropolen photographiert, geschickt und geschmackvoll, aber doch kein Ganzes, sondern nur ein Rekord aus guten "Nummern". Castellanis Frauengefängnisfilm "In der Stadt die Hölle" hat nach amerikanischem Rezept die Stars gehäuft und der vulkanischen Anna Magnani die falsche Naive Giulietta Masina beigesellt – ein Drama wurde daraus nicht. Fellini schließlich, seit "La Strada" und den "Vitelloni" der ruhmreichste unter den jungen Regisseuren, dreht seit langem verzweifelt an einem Film "La dolce Vita" und hält Nacht um Nacht, das Drehbuch zugeklappt, Ausschau nach Leben, Szenen, Episoden, auf der Suche nach jenem "Realismus", der sich am Ende als zauberische Verwandlung der Wirklichkeit entpuppt.

Die Theaterzettel sind nicht so phantasievoll knallig wie die Kinoplakate: einfarbig, grün, rosa oder orange, verkünden sie die Namen der Hauptdarsteller als Wichtigstes, dazu den Titel des Stücks und – ziemlich klein – den Autor. Das liegt daran, daß im italienischen Theater die Schauspieler alles sind; das Stück und der Autor drehen sich um sie. Es gibt ja kein Staatstheater. Es herrscht die "Compagnia", die Schauspielertruppe, zwei, drei große Namen, die sich zusammenfinden und ein paar Satelliten nach sich ziehen.

Erst seit dem letzten Krieg gibt es auch große Regisseure, Beherrscher von Ensembles. Giorgio Strehler vom Piccolo Teatro in Mailand ist durch seine eleganten und exakten Goldoni-Aufführungen auch in Deutschland zu Ruhm gelangt. In Rom heißt der Meisterregisseur Luchino Visconti, aus altadligem Geschlecht; er fing als Rennpferdezüchter an, ehe es ihn reizte, sich an Menschen zu versuchen. Luchino Viscontis bis aufs I-Tüpfelchen präzise Inszenierungen galten als sichere Erfolge – dieses Jahr begann er mit "Schau heimwärts, Engel", der schwächlichen Dramatisierung des Wolfe-Romans, und erlitt die erste schwere Schlappe. Paolo Stoppa, Theaterdirektor, Regisseur und Hauptdarsteller in einem, grub ihm mit Millers "Blick von der Brücke" das Wasser ab.

Die Theaterkrise, die hier wie in Deutschland ständig diagnostiziert und nie behoben wird, erklärt sich leicht aus dem Fehlen eines Hausvorrats von Repertoire-Stücken. Es gibt nur einen einheimischen Klassiker: Goldoni. Es gibt nur einen großen Modernen: Pirandello. Pirandello wird ungern gespielt, selbst in dem Theater, das seinen Namen trägt. Seine "Nackten Masken" sind zu unbarmherzig, kein bißchen "amüsant" für das Publikum. Jüngere Autoren, wie Diego Fabbri, haben im Ausland beinahe mehr Erfolg als zu Hause.