Von Hans Gresmann

Göttingen, Mitte Mai

Die Geschichte mit dem Schnauzbart war im niedersächsischen Wahlkampf besonders wirkungsvoll. Hinrich Kopf hat sie erzählt, und er hat es um so lieber getan, als sie ins Gebiet des Waidwerks gehörte und sein Publikum nicht mit politischer Gedankenarbeit belastete.

"Hinnerk", wie er im Lande heißt und wie ihn seine Freunde nennen dürfen, berichtete also – im Rundfunk war’s – von dem Leuchtturm auf der Insel Neuwerk vor Cuxhaven, in welches alte Gemäuer er sich von Zeit zu Zeit aus dem Trubel der Politik flüchtet. Und er berichtete von dem kleinen Nebenerwerb, den er sich dort an der Nordsee verschafft: "Sie kennen ja meinen Schnauzbart. Wie ein Seehund, sagen die Leute. So muß ich also, wenn Touristen nach Neuwerk kommen und sich partout kein echter Seehund zeigen will, ins Wasser und meinen Kopf durch die Wellen stecken. Hinterher bekomm ich dafür einen Grog. Wenn die Leute aber auf mich schießen wollen, verlange ich drei Grogs..."

Diese Geschichte ist bezeichnend für den nun ein paar Wochen zurückliegenden niedersächsischen Wahlkampf, in dem es viel weniger um die Landespolitik als um die Landespolitiker ging; sie ist auch bezeichnend dafür, daß sich heutzutage der Kampf um parteipolitische Programme unter der Hand in einen Publicity-Feldzug zu verwandeln pflegt. Die Geschichte kennzeichnet indes auch den Mann, der nach dem Krieg neun Jahre lang – von 1946 bis 1955 – das Land Niedersachsen regiert hat, der dann im Kabinett Hellwege Innenminister war und der jetzt wieder den Ministerpräsidentenstander an seinem Dienstwagen führt.

Hinrich Wilhelm Kopf, der hochgewachsene Bauernsohn aus dem Land Hadeln an der Elbmündung, verdankt sein? politische Karriere nicht zuletzt seiner unvergleichlichen Fähigkeit, mit jedem Partner die Sprache zu sprechen, die der andere versteht. Es sind die Orte, es sind die Bauernschenken nicht zu zählen im niedersächsischen Land zwischen Nordseeküste und Harz, in denen Kopf bei Bier, Doornkaat oder Rotspon, zwischen mancher Partie Skat oder Doppelkopf seine demokratischen Untertanen davon überzeugt hat, daß er der richtige Mann sei für den Ministerpräsidentensessel in Hannover.

Niemand bezweifelt in Niedersachsen, daß es weit und breit keinen populäreren Politiker im Lande gibt als ihn. "Hellwege war auch nicht schlecht", meinen manche, aber sie fügen hinzu, daß der Heinrich sich auf dem flachen Land manche Sympathien verdorben habe durch seine Sprünge in die große Bundespolitik, während der Hinrich im Lande blieb.