Das Schlußwort zu einer ZEIT-Polemik

Von Friedrich von der Leyen, dem Senior der Hochschullehrer für deutsche Literatur

Rudolf Walter Leonhardts ZEIT-Artikel darüber, "wie man in Deutschland Deutsch studiert", sind jetzt als Büchlein in der Kulturschriftenreihe des Artemis-Verlages erschienen (Heft 21: "Der Sündenfall der deutschen Germanistik – Vorschläge zur Wiederbelebung des literarischen Bewußtseins in der Bundesrepublik"; 55 S., 3,80 DM). Wir benutzen diesen Anlaß, um hier – statt einer Rezension – ein Schlußwort zu der Diskussion um die deutschen Hochschulen im allgemeinen und die Germanistik im besonderen zu veröffentlichen. Wir tun das um so lieber, als der Autor dieses Schlußwortes nun wirklich ein Recht hat, zu den umstrittenen Fragen gehört zu werden: Professor Dr. Friedrich von der Leyen vollendet am 19. August sein 86. Lebensjahr und ist damit wohl der älteste unter den noch lebenden deutschen Germanisten. Schon 1899 war er Privatdozent, 1906 außerordentlicher Professor in München; 1920 bekam er den ordentlichen Lehrstuhl für deutsche Philologie an der Universität Köln, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1937 innehatte. Ali es nach dem Kriege an unbelasteten Universitätslehrern fehlte, stellte sich der damals immerhin schon 73jährige wieder zur Verfügung und unterrichtete in Köln und München. Professor von der Leyen hat sich besonders um die Sammlung und Herausgabe ältester deutscher Dichtungen verdient gemacht. Weltruf erwarb er sich durch seine Märchenforschungen. Doch auch die Fragen, um die es in unserer Polemik vor allem ging, sind Professor von der Leyen keineswegs fremd: bereits 1906 veröffentlichte er ein Buch über das alte, neue Thema "Deutsche Universität und deutsche Zukunft".

Rudolf Walter Leonhardt hat seine vielbeachteten und viel umstrittenen Ausführungen über die Germanistik unserer Tage (oder, wie ich lieber sage, die neue deutsche Philologie) noch einmal durchgesehen, überprüft und sie als Streitschrift, als ein Pamphlet im englischen Sinn uns vorgelegt, das nun "Der Sündenfall der deutschen Germanistik" heißt. Dieser wiederholte, temperamentvolle Angriff sollte nicht unbeantwortet bleiben. Es geht um die Wissenschaft von der neuen und neuesten deutschen Dichtung und auch um die Pflege der deutschen Sprache.

Beginnen wir mit der Dichtung der Gegenwart. Die Studenten wollen gerade über sie hören. Wer im Ausland Deutsch unterrichtet, hört als erste Frage: "Wie steht es mit eurer Dichtung von heute?"

Ob man nun will oder nicht: die Dichtung der Gegenwart ist aus dem akademischen Unterricht nicht mehr auszuschalten. Man soll sie unbefangen, unabhängig von der Mode des Tages und ohne Willkür auswählen und in gerechter Gewichtsverteilung zeigen.

Hier wird noch viel versäumt, wie Leonhardts Beispiele zeigen. Darin sind wir beide mit seinem großen Lehrer Ernst Robert Curtius einig: Die akademischen Vertreter der neuen deutschen Dichtung sollten mit den berufenen Vertretern der literarischen Kritik in Zeitschriften und Zeitungen eine fruchtbare und fördernde Zusammenarbeit versuchen. Jene haben das geschichtliche Wissen, die Erfahrungen als Lehrer voraus, diese die Unbefangenheit und die Erfahrungen des Lebens in der Gegenwart, in Übungen und Seminaren läßt sich der Wunsch nach einer solchen Zusammenarbeit bei gutem Willen ohne Schwierigkeiten verwirklichen. Die Erfüllung dieses Wunsches wäre nur die Wiederkehr jener Gemeinschaft von Dichtung und Kritik, die unsere klassische und romantische Dichtung erreicht hat und auf der nicht zuletzt ihre Größe beruht. Der Bund von Dichtung und Kritik hat sich im ganzen 19. Jahrhundert bewährt als Vermächtnis der Großen.