Von Martin. Beheim-Schwarzbach er an alten christlichen Legenden mit mittelalterlicher Patina und in lutherischer Sprache seine Freude hat, wird mit Gewinn und Genuß zu einer Auswahl aus dem spätmittelalterlichen Volksbuch "Legenda Aurea" greifen, in welchem seinerzeit die Heiligenlegenden zum ersten, Male in deutscher Sprache gesammelt wurden, ohne daß man die Verfasser kennt. Eine solche Auswahl ist jetzt erschienen:

"Alte deutsche Legenden", gesammelt von Richard Benz; Eugen Diederichs Verlag; in Halbpergament, 115 S., 26,– DM.

Die Ursprünge der Legenda Aurea lassen sich bis 1280 zurückverfolgen. Damals veröffentlichte ein Dichter namens Jacobus de Voraigne in Italien eine Anzahl von Heiligenleben auf lateinisch, deren Motive dann mit mancherlei Umwandlungen um 1400 in deutschen Übertragungen und Neufassungen auftauchten, teilweise in weitschweifigen und schwerfälligen Versformen, die dann wiederum in Prosa umgegossen wurden, welcher Vorgang von den Gelehrten der Literaturgeschichte streng mißbilligt wurde, bis Wilhelm Grimm sie eines Besseren belehrte.

Aus dieser Sammlung, die übrigens von etwa 1520 bis 1910 keine Neufassung und Neuausgabe mehr erfuhr, wählte Richard Benz die geeignetsten Stücke aus und fügte noch einige andere Heiligenlegenden hinzu, so daß wir hier eine reizvolle Zusammenstellung von zwanzig Stücken haben, in mittelalterlicher Sprachmelodie, jedoch orthographisch der heutigen Schreibung angepaßt. Sie geben die ganze naiv-farbige Atmosphäre wieder, wie sie uns aus gotischen Altartafeln und Buntglasfenstern alter Kathedralen entgegenleuchtet. Auch die kolorierten Holzschnitt-Vignetten, eine zum Anfang jeder Geschichte, tragen dazu

Was das Buch zusätzlich zu einem Kabinettstückchen macht, ist seine zauberhafte bibliophile Ausstattung. Es ist zweispaltig in einer gotisch anmutenden Frakturtype gesetzt, die sich Peter-Jessen-Schrift nennt. Ein Geschenkartikel par excellence.

Und dann verdient dies noch gesagt zu werden:

Beim Blättern in der Buchhandlung mag mancher, außer von der Ausstattung, noch von dem letzten Titel im Inhaltsverzeichnis gefesselt und zum Erwerb bewogen werden. Er lautet "Gregorius auf dem Stein". Man kennt doch das Motiv? Hartmann von Aue hat ein berühmtes Versepos daraus gemacht (das übrigens jetzt auch gerade wieder, im Ebenhausener Langewiesche-Brandt-Verlag, veröffentlicht worden ist). Und es hat Thomas Mann bei einem seiner reizvollsten Alterswerke, dem "Erwählten", zur Vorlage gedient. Die Gregorius-Geschichte ist von allen hier vertretenen die faszinierendste, handlungsreichste, abenteuerlichste, bunteste und dabei sogar auch noch die einleuchtendste. Man kann sich gut in den stoffhungrigen großen ironischen Erzähler hineinversetzen: wie ihn dieses viel verschlungene exzentrische Motivgewebe mit seinen epischen und satirischen Möglichkeiten, den Weg von der frommen Naivität zur höchsten erzählerischen Raffiniertheit zu finden, gepackt haben muß.