Von Thilo Koch

Kurfürstendamm und angrenzende Gebiete sind zur Zeit ein gefährliches Terrain für Männerherzen. Da schreiten und gleiten, da flirren und girren, da lächeln und fächeln sie hin, die wespentaillenschlanken Prinzessinnen, die Königinnen der Mode, Mannequins genannt.

Du kannst nicht, mehr in Ruhe frühstücken, in deinem Stammcafé, unter der Sonnenmarkise. Dein Magen knurrt, weil neben dir zwei Schöne zuerst bedient werden; sie müssen zur Vorführung eilen und brauchen, denkt der Kellner, ihr weiches Ei, die Orangen, den starken Kaffee dringender als du.

Des Nachts blasen die Saxophonisten in den Bars mit volleren Backen, die Mixer schütteln ihre Becher mit breiterem Grinsen, und die Fliege des unternehmungslustigen Herrn, ist flotter gebunden – seit die süßen, die zierlichen, wippenden, schwippenden Geschöpfe den Glanz ihrer Anmut um die Tische garnieren.

Es sind aber nicht nur die Männer, keineswegs, die die Hälse recken, die Augen verdrehen, wenn wieder so ein wohlgerundetes, hochgewachsenes, todchic aufgemachtes Mode-Reh vorbeistreicht, mehr oder weniger scheu. Die Berliner Damenwelt ist womöglich noch unruhiger. Hier und jetzt entscheidet es sich, was sie im kommenden Winter tragen wird.

Und dann – identifiziert sich nicht jede Frau gern mit ihrer hübscheren, dekorativeren, eleganteren Schwester? Da geht sie ja auf hohen Beinen, mit edel geneigtem Köpfchen, zierlich und fest, sie, die man so gern selber wäre, so gern im Spiegel auf sich zukommen sähe.

Also: Berlin ist beunruhigt, "Durchreise" nennt sich kalt und sachlich, was ein wichtiger Posten in unserer Wirtschaft ist, das alljährliche Stelldichein der deutschen Modeschöpfer, der Konfektion. Wer aber empfindlichen Gemüts für Schönheit und Abwechslung, für lieben Reiz und Liebreiz blieb, der entdeckt in der Ökonomie die Lyrik.