Der große Mann in einem kleinen, armen Lande

Chruschtschows überraschender Besuch in Albanien hat bislang noch keine ausreichende Erklärung gefunden. Tatsache ist, daß er sich vor einem erneut verdüsterten Balkan-Hintergrund vollzieht: Moskaus Balkansatelliten haben Griechenland und Italien unter schweres Propagandafeuer genommen. Feststeht auch, daß Belgrad die Flugreise des Kremlchefs trotz seines freundlichen Grußtelegramms an Tito mit großem Mißtrauen verfolgt. Grotewohl hält sich schon in der albanischen Hauptstadt auf, und man rechnet damit, daß auch die Ministerpräsidenten Bulgariens und Rumäniens nach Tirana reisen. Unser, Bericht schildert, wie dieser Albanienbesuch in Rom beurteilt wird.

A.d.F., Rom, Ende Mai

Die Reise, die Nikita Chruschtschow nach Albanien, in den kleinsten der sowjetischen Satellitenstaaten unternahm, hat in Italien nicht geringe Besorgnis ausgelöst. Zwölf Tage wird er bleiben. Da fragt man sich: Was ist der Zweck dieses ungewöhnlich langen Besuches des Kreml-Herrschers in einem Land, dessen roter Diktator Enver Hodscha ein Ulbricht en miniature ist und das nichts anderes zu zeigen hat als neue, mit sowjetischem Geld gebaute und von sowjetischen Offizieren befehligte militärische Anlagen?

Machtdemonstration am Mittelmeer

Chruschtschow will – das ist die in Rom vorherrschende Ansicht – vermutlich nicht nur einen Druck auf den eigensinnigen Tito ausüben, indem er Moskaus hörigstem Statthalter auf dem Balkan den Rücken stärkt, sondern auch dem Westen die sowjetische Macht im Mittelmeer demonstrieren – und dies insbesondere dem von Albanien nur durch die 150 Kilometer breite Meeresstraße von Otranto getrennten Italien. "Albanien ist" – so lautet der Satz einer römischen Zeitung, die der Regierung nahesteht – "eine auf Italiens Herz gerichtete Pistole."

In den letzten zehn Jahren ist tatsächlich das bergige, wilde "Land der Skipetaren" zu einer Festung ausgebaut worden, die eine solide Basis für Offensiv-Operationen nach Norden (Jugoslawien) wie auch nach Süden (Griechenland) und nach Westen (Italien und Hauptquartier des NATO-Südabschnitts in Neapel) sein könnte. Und zwar hat – nach römischen Informationen die albanische Gefahr zwei Aspekte. Erstens: die zur sowjetischen Schwarzmeerflotte gehörenden U-Boote, die in den zum Teil unterirdischen Bunkern der Bucht von Valona einen Unterschlupf haben. Zweitens: die auf albanischem Boden aufgestellten sowjetischen Raketen.