Von Ruth Hermann

Die großen angelsächsischen Schriftsteller rühmen das junge Genie. So ist es auf der Rückseite des "glanzkaschierten" Einbandes unter dem Photo des jungen Mannes mit den traurigen Augen zu lesen. Die Aufnahme stellt den Autor eines Bandes von elf Stories und einer Novelle dar –

James Purdy: "Die Farbe der Dunkelheit", deutsch von Helene Henze; Rowohlt Verlag, Hamburg; 221 S., 12,80 DM.

Das Buch ist in Schwarz, Grau, Gelb und Weiß gebunden – und nichts als dies. Die übliche Schürze fehlt. Das sieht hübsch und vernünftig aus: ein Taschenbuch, das feste Form gewonnen hat. Sicherlich ist es auch abwaschbar, ein Vorzug, den sonst meistens nur Kinderbücher haben.

Ein Kinderbuch aber ist "Die Farbe der Dunkelheit" nun ganz gewiß nicht, obwohl diese "Dunkelheit" in Kindern wie in Erwachsenen existiert. Gemeint ist die von der Psychologie beleuchtete dunkle Zone des Unbewußten. Purdys Erzählungen bestätigen, was seit Freud und Jung kein Geheimnis mehr ist (und was Dichter schon vorher wußten): daß es, je tiefer man in die Menschen hineinsieht, desto dunkler wird. Dort unten tief – zum Glück meistens versteckt – liegt das Verdrängte, das Unterdrückte, das wohlverborgene Unbehagen. Glücksgefühle werden selten verdrängt; weshalb sich denn im Gerümpel der unbewußten Tiefe wenig Heiteres finden läßt.

Purdys Situationen sind oft denen Strindbergs ähnlich: Welche Menschen quälen einander? Die, die sich nahe sind. Welche Morde sind die häufigsten? Die unter Nächsten. Die alltäglich in kleiner Münze heimgezahlte Trauer über den Verlust der eigenen Freiheit, den die Liebe mit sich bringt, mehr noch die Ehe und die Familie, die Auswege des Unbehagens – das sind die Stoffe dieser Erzählungen. Der junge Amerikaner schreibt manchmal über das gleiche Thema wie Strindberg, aber er beschreibt es anders – und aus einer anderen Position heraus. Gesetzt, man könnte unterstellen, daß die Menschen im Grunde gleich geblieben sind – die Kunst, sie darzustellen, kann nicht mehr die gleiche sein, nachdem das künstliche kühle Licht der wissenschaftlichen Psychologie auf diese Fragen gefallen ist.

Das gilt nicht für die moderne Literatur allein, sondern für alle moderne Kunst. Es gilt also keineswegs nur für diesen jungen Autor, der, wie der Rowohlt-Verlag mitteilt, in Amerika lange vergeblich darauf warten mußte, gedruckt zu werden. Warum eigentlich? Er geht weder im Stil noch in der Darstellung überhaupt über das hinaus, was andere hervorragende amerikanische Erzähler schreiben. Er ist nicht erschreckender, er brüskiert nicht mehr als Truman Capote oder Carson McCullers: er ist nicht pessimistischer als Katherine Anne Porter oder Jean Stafford.