Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände plant ein Warenprüfungs-Institut

Auf "Mrs. Middle Majority" konzentriert sich heute der Eifer der amerikanischen Motivforscher. Geforscht wird in Mrs. Middle Majoritys Seele nach allen Regeln tiefenpsychologischer Raffinesse – nicht aus wissenschaftlichem Erkenntnisdrang. Das heftige Interesse an Mrs. Middle Majority hat einen sehr nüchternen Sinn. Mrs. Middle Majority ist nämlich die amerikanische Durchschnittshausfrau, etwa das, was man bei uns mit "Normalverbraucherin" bezeichnet.

Da "die Frau" nach Ansicht der Verkaufspsychologen rund vier Fünftel der Familieneinkäufe kontrolliert, ist es nicht verwunderlich, wenn die Tiefenpsychologen und Motivforscher die Gründe, die Mrs. Middle Majority zum Kaufen oder Nichtkaufen bewegen, exakt auszuloten bemüht sind. Die Erforschung der Verbraucherseele war der amerikanischen Industrie beispielsweise im Jahr 1956 neun Millionen Dollar wert.

Da gibt es ein Institut auf einem malerischen Hügel über dem Hudson-River. Dort arbeiten seit zehn Jahren siebzig Wissenschaftler an der Erforschung der Kaufmotive des Konsumenten: Soziologen, Nationalökonomen, Statistiker, Psychologen, ja sogar Anthropologen werden von großen Firmen beauftragt, Antworten zu finden auf Fragen wie etwa diese: "Warum kaufen Frauen mit Vorliebe Artikel in roter Verpackung?" Oder: "Warum kaufen die Amerikaner weniger Pelzmäntel als vor zehn Jahren?" Oder: "Warum geht der Umsatz der amerikanischen Windelwaschorganisationen nach drei Monaten meist rapid zurück, obwohl die Babys der darauf abonnierten Mütter noch lange nicht sauber sind?" Eine Firma, sandte sogar folgenden Hilferuf: "Miserabler Umsatz in Dörrpflaumen! Was haben die Amerikaner gegen Dörrpflaumen?"

Auch bei uns ...

Auch bei uns wird die Käuferseele nach ihren geheimsten Sehnsüchten und Antrieben durchleuchtet; dann, so sagen die Motivforscher, muß es geschickten Werbemethoden ja möglich sein, dem Käufer Willen und Wünsche so zu suggerieren, wie sie der Hersteller haben will. Die Kauflust wird also ganz bewußt angereizt und "gesteuert". Der Erfolg dieser neuen Methode hat bewiesen, daß der Konsument sogar zu Käufen zu bewegen ist, die er gar nicht vornehmen wollte. Geltungstrieb spielt dabei eine große Rolle. Verkäufer, die diese Eigenschaft geschickt zu schüren verstehen, haben leichtes Spiel.

Wie soll es dem Verbraucher im wilden Strudel der Werbung schon gelingen, klaren Kopf zu behalten? Wie soll er sich bei dem vielfältigen und unüberschaubaren Angebot von Waren noch einen Überblick verschaffen? Wie soll der "richtige" Konsument zur "richtigen" Ware kommen, zu genau der Ware, die auf seine speziellen Bedürfnisse zugeschnitten ist? Fast unmöglich bei dem heutigen Massenangebot: Beispielsweise bringt die deutsche Kochtopfindustrie allein 255 Kochtopftypen auf den Markt. Wie soll sich der Verbraucher noch ein Urteil bilden können, wenn eine Kaffeemühlenfirma in einem Jahr III Typen von Kaffeemühlen herausbringt, eine Herdfirma seit 1945 schon über 1000 Herdmodelle hergestellt hat und allein an Waschmaschinen 680 verschiedene Typen auf dem Markt sind?